IG Metall begibt sich auf einen gefährlichen Weg

Nach einem 16-stündigen Sitzungsmarathon sind die Tarifverhandlungen der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg vorerst gescheitert. Jetzt rüstet die IG Metall für die ersten 24-Stunden-Streiks in der Nachkriegsgeschichte. Insgesamt 250 Betriebe sollen dabei bundesweit für einen ganzen Tag lang lahm gelegt werden. Die wirtschaftlichen Schäden, die dadurch entstehen, sind immens und sie treffen nicht nur den ach so widerspenstigen Arbeitgeber, sondern mittel- und langfristig auch die Beschäftigten. Sie sollen zwar von ihrer Gewerkschaft ein Streikgeld erhalten. Die Folgeschäden werden sie aber erst viel später zu spüren bekommen, wenn die Unternehmen nämlich Investitionen vermehrt im Ausland tätigen und die Kunden Aufträge stornieren oder erst gar nicht erteilen, weil sie nicht mehr sicher sein können, dass sie auch termingerecht ausgeliefert werden.

Die IG Metall begibt sich in der laufenden Tarifauseinandersetzung in der Metall- und Elektroindustrie auf einen gefährlichen Weg, dessen Ende sie anscheinend völlig falsch einschätzt. Eigentlich will sie ja für ihre Mitglieder etwas Gutes erreichen, nämlich mehr Geld und weniger Arbeit. Allerdings zerstört sie mit ihren Maximalforderungen und einem völlig unnötigen Arbeitskampf die gemeinsame Basis von Arbeitgebern und Gewerkschaften, auf der in der Vergangenheit immer noch für beide Seiten vertretbare Kompromisse ausgehandelt wurden. Das, was hier gerade von der Frankfurter Gewerkschaftszentrale aus entfacht wird, ist eine klassenkämpferische Auseinandersetzung aus dem vorvorigen Jahrhundert, die wahrlich nicht mehr in die heutige Zeit passt. Und sie gefährdet massiv das Vertrauen der Unternehmen in den Flächentarif.

Schon heute sind deutlich mehr Unternehmen außerhalb des Flächentarifs unterwegs. Und diejenigen, die seine Vorteile nach wie vor schätzen, werden von der Gewerkschaft immer mehr dazu gedrängt, andere Wege zu gehen. Seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Einführung der Sozialen Marktwirtschaft hat sich das System der Tarifpartnerschaft und der Tarifbindung als ordnendes Element der Arbeitsbeziehungen in den Unternehmen bewährt. So wie es derzeit aussieht, hat die IG Metall kein Interesse mehr an einer Weiterführung, geschweige denn an einer modernen Weiterentwicklung. Für viele Unternehmen sind die durch den Flächentarif gesetzten Rahmenbedingungen kaum noch einzuhalten. Was früher einmal als Mindestanforderungen gedacht war, orientiert sich heute nicht mehr an den kleinen und mittleren Unternehmen, die das Gros der Arbeitsplätze in Deutschland stellen, sondern an den großen Konzernen, vor allem an den potenten Automobilherstellern im Südwesten sowie deren Zulieferern.

Die Arbeitgeber haben dieser bedenklichen Entwicklung relativ wenig entgegenzusetzen. Sie sind heute in aller Regel derart in internationale Auftrags- und Lieferbeziehungen eingebunden, die wenig bis gar keinen Spielraum für aus der Zeit gefallene Arbeitskämpfe lassen. Deshalb bleibt ihnen auch nichts anderes übrig, als am Verhandlungstisch einigermaßen erträgliche Vereinbarungen zu treffen. Das kann aber nur dann gelingen, wenn auch der andere Verhandlungspartner daran ein Interesse hat. Das scheint in der laufenden Tarifrunde nicht so zu sein. Letztlich werden sich die Tarifparteien irgendwann wieder zusammensetzen müssen, um zu einem Ergebnis zu kommen. Dazu muss es aber erst einmal gelingen, die Gräben, die jetzt von der IG Metall aufgerissen werden, zu überbrücken. Die Gräben wieder zuzuschütten, dürfte weitaus länger dauern.

Helmut Hofmann

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