Arbeitgeberverbände Siegen-Wittgenstein üben Kritik an Nationalpark-Verfahren

Christian F. Kocherscheidt, Geschäftsführender Gesellschafter EJOT Holding GmbH & Co. KG

Siegen/Bad Berleburg. „Die heimische Industrie steht aufgrund der multiplen internationalen Krisen und der schlechten Rahmenbedingungen in Europa ohnehin am Scheideweg. Und nun kümmern wir uns in Siegen-Wittgenstein auch noch um einen Nationalpark“, sagt Christian F. Kocherscheidt, Vorsitzender der Arbeitgeberverbände Siegen-Wittgenstein (AGV), mit Blick auf die vom Kreis erneut angestoßene Debatte. Anstatt sich mit Themen zu befassen, die den Menschen in Siegen-Wittgenstein wirklich etwas bringen, werfe man jede Menge Energie und Arbeitskraft in einen Nationalpark-Prozess: „Acht Expertengruppen, ein politischer Beirat, eine Steuerungsgruppe und dazu ein Nationalparkforum – das bindet jede Menge Arbeitskraft bei Behörden, Unternehmen und Organisationen, die wir an anderer Stelle sinnvoller einsetzen könnten.“ Und nun rufe der Landrat auch noch Unternehmer per Pressemitteilung dazu auf, konkrete Gegenargumente an eine E-Mail-Adresse im Kreishaus zu senden. „All das bindet Zeit, die wir lieber damit verbringen würden, in unseren Unternehmen für Wertschöpfung zu sorgen, Arbeitsplätze zu sichern und endlich wieder die Konjunktur anzukurbeln“, so Kocherscheidt.

Zweifel an der Schaffung vieler Arbeitsplätze
Dabei werde nun seitens der Kreisverwaltung vorgegeben, dass ein Nationalpark gleichzeitig auch ein riesiges Konjunkturprogramm zur Schaffung von Arbeitsplätzen sei. „Belastbar ist das nicht. Ich bin sicher, es gibt etliche Erkenntnisse zum ökologischen Wert des toten Fichtenwaldes auf dem Rothaarkamm. Eine entsprechende Untersuchung zu den wirtschaftlichen Auswirkungen im Kreisgebiet fehlt dagegen. Ich vermisse bei der Stabsstelle für Wirtschaftsförderung, Klimaschutz und Mobilität im Kreishaus derzeit den Fokus auf die Wirtschaftsförderung und die Infrastruktur“, so Kocherscheidt.

Zahlreiche Unternehmen litten unter den internationalen Krisen, schlechten Rahmenbedingungen und machten ihren Gewinn oftmals nicht mehr an den heimischen Standorten, sondern im Ausland: „Doch nur, wo Gewinne erwirtschaftet werden, werden auf lange Sicht auch Steuern und Sozialabgaben bezahlt, die der Gesellschaft und auch dem Naturschutz zugutekommen. Nur dort wird langfristig Wachstum und Beschäftigung erfolgen.“

Umso irritierter zeigen sich die Verantwortlichen bei den Arbeitgeberverbänden, wie der Region in Rekordzeit ein Nationalpark „übergestülpt“ werden soll, den selbst Umwelt- und Verkehrsminister Krischer eigentlich schon ad acta gelegt hatte. „Verschiedentlich war in den Diskussionen der vergangenen Wochen der Eindruck erweckt worden, dass ein Nationalpark ein Wildnisentwicklungsgebiet (abgegrenzter Naturraum, in dem der Mensch nicht mehr in die Natur eingreift.) verhindern könnte“, erklärt Jan-Roland Osterrath, stellvertretender Vorsitzender der Arbeitgeberverbände. Dieses Argument erscheine zunehmend fragwürdig. Tatsächlich gebe es innerhalb vieler Nationalparks sogenannte Wildnisgebiete, weil ein Großteil der Flächen dem Prozessschutz unterliege. Mittlerweile mehrten sich die Stimmen, nach denen dies auch am Rothaarkamm der Fall sein wird.

Mindestens neunmal größere Naturschutzzone als ursprünglich geplant
Zudem wurde zwischenzeitlich bekannt, dass das offenbar ursprünglich vom Land für den Rothaarkamm geplante Wildnisentwicklungsgebiet nur etwa 500 Hektar umfassen sollte. Die in Rede stehende Kernfläche für den Nationalpark umfasst ca. 4.300 Hektar, zusammen mit der angrenzenden Stiftungsfläche ca. 4.600 Hektar. „Sollten die Kreistagsmitglieder für die Weiterverfolgung der Nationalpark-Ausweisung votieren, ‚tauschen‘ sie also 500 Hektar gegen eine mindestens neunmal größere Fläche“, stellt AGV-Vorstandsmitglied Andreas Klein klar. Bei einem 500 Hektar großen Wildnisentwicklungsgebiet wären viele Sorgen von Unternehmen und Waldbesitzern womöglich hinfällig, weil mit weniger Konflikten und Einschränkungen zu rechnen sei als bei einem wesentlich größeren Nationalpark.

Im Übrigen sei das ganze Verfahren sehr einseitig gefärbt. So gebe man vor, Sachargumente für eine sorgfältig abgewogene Entscheidung der Kreistagsmitglieder aufzuzeigen. Der Terminplan bis zur Entscheidung spreche indes eine andere Sprache. Er sieht lediglich Termine und Aktionen vor, die eine Positionierung „Pro Nationalpark“ vermuten ließen, wie entsprechende Veranstaltungen der Biologischen Station. Einen Termin, der sachlich und nüchtern beispielsweise die weiterhin schlechte Verkehrsanbindung zwischen Siegerland und Wittgenstein thematisiere, suche man dagegen vergeblich.

Christian F. Kocherscheidt abschließend: „Wir würden uns wünschen, dass die derzeit aufgebrachte Energie in Sachen Nationalpark auf allen Ebenen in Dinge gesteckt werden, die wichtig für die Region sind. Und das sind funktionierende Verkehrswege, gesunde Unternehmen und sichere Arbeitsplätze für Siegen-Wittgenstein.“

Text/Foto: Verband

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