Siegen. „Konjunktur – löst sich endlich der Knoten?“ Diese Frage brennt derzeit vielen Unternehmern und auch ihren Mitarbeitern auf den Nägeln. Und so war es kein Wunder, dass die gemeinsame Vortragsveranstaltung von IHK Siegen und Arbeitgeberverbänden Siegen-Wittgenstein im Südwestfalen-Saal der IHK sehr gut besucht war. IHK-Präsident Walter Viegener verdeutlichte die Wichtigkeit der Fragestellung: „Sie stellt sich nicht nur in den Kreisen Siegen-Wittgenstein und Olpe, sondern in ganz Deutschland.“ Eines vorab: Referent Dr. Jörg Krämer konnte nur teilweise Entwarnung geben: „Der Knoten löst sich nicht, aber zumindest lockert er sich.“ Der Chefvolkswirt der Commerzbank belegte mit seinen Grafiken eindrucksvoll, warum sich die Weltwirtschaft nicht mehr in den jahrzehntelang gewohnten Bahnen bewegt. Und doch hatte seine Analyse auch positive Momente: „Ich verspreche Ihnen, dass ich hier heute niemanden ganz negativ zurücklassen werde.“
Dr. Jörg Krämer: Abitur am Gymnasium Neunkirchen
Erste positive Nachricht: Die Ölexporte aus der Golf-Region haben sich unter Schwankungen bereits deutlich erholt. Verantwortlich dafür sind laut Krämer, der 1986 am Gymnasium Neunkirchen sein Abitur abgelegt hat, die sogenannten Dark Transits. Das sind Öl-Transporte, die die US-Marine durch die Straße von Hormus eskortiert, möglichst weit entfernt von der iranischen Küste. „Um genügend Kapitäne für die gefährliche Passage durch die Straße von Hormus zu finden, haben die Reeder deren Gehälter massiv erhöht – laut Medienberichten auf 100.000 $ pro Monat. Da sieht man wieder, wie dynamisch die Marktwirtschaft ist“, betonte Dr. Krämer.
Einen Blick warf der in Burbach aufgewachsene Wirtschaftsexperte auch auf das deutsche Bruttoinlandsprodukt. Dieses sei seit Anfang 2024 erst ganz langsam, zuletzt aber stärker gestiegen: „Das liegt aber nicht an den Ausrüstungsinvestitionen der Unternehmen, die seit 2024 in Deutschland rückläufig sind.“ Auch die Exporte seien nicht der Haupttreiber für die Erholung des Bruttoinlandsprodukts. Stattdessen machte Krämer Staatsausgaben als den eigentlichen Treiber aus. Staatliche Investitionen, zu denen die Statistiker auch Rüstungsgüter zählen, profitieren von den Sonderschulden von 500 Mrd. € und davon, dass Verteidigungsausgaben von mehr als 1 % des Bruttoinlandsprodukts nicht mehr unter die Schuldenbremse fallen. Allerdings würde ein Großteil der Sonderschulden zweckentfremdet und in ohnehin bereits geplante Projekte umgeleitet, weshalb immer noch nicht genügend Geld für Erhalt und Ausbau von Straßen, Brücken und die Schiene bereitstehe – die Route 57 lässt grüßen.

Tauschten sich im Rahmen der Veranstaltung aus: (v.l.) IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Thilo Pahl, Christian F. Kocherscheidt (Vorsitzender der Arbeitgeberverbände Siegen-Wittgenstein und IHK-Vizepräsident), Referent Dr. Jörg Krämer, IHK-Präsident Walter Viegener und Dr. Thorsten Doublet (Geschäftsführer der Arbeitgeberverbände Siegen-Wittgenstein).
Appell: Der Staat muss Bürgern und Unternehmen endlich wieder vertrauen
Einmal bei der Sonderverschuldung angekommen, blickte Dr. Jörg Krämer auch auf die große Politik: „Die derzeitige Koalition ist, wie sie ist. Wir können von dieser Regierung keine tiefgreifenden Reformen erwarten.“ Doch wie bekommt man den Karren aus dem Dreck gezogen? Neben zahlreichen dringend notwendigen Reformen warb Dr. Krämer dafür, dass der Staat den Unternehmen und Bürgern wieder vertraut. „Ein vertrauender Staat drangsaliert die Unternehmen nicht mit Bürokratie. Er schreibt den Bürgern nicht vor, wie dick Hauswände zu isolieren sind, und überlässt es den Unternehmen und nicht Beamten, die passenden Technologien zu finden.“ Vertrauen führe automatisch zu einer besseren Wirtschaftspolitik. Und nur bei besseren Rahmenbedingungen könnten die mittelständischen Unternehmen in Siegen-Wittgenstein ihre Rolle als „Schnellboote der Marktwirtschaft“ ausspielen.
In der anschließenden Diskussionsrunde fragte Christian F. Kocherscheidt, Vorsitzender der Arbeitgeberverbände Siegen-Wittgenstein und IHK-Vize-Präsident: „Wie bekommen wir das denn wieder hin?“ Krämer überlegte keine Sekunde und erinnerte daran, dass es immer wieder einzelne Politiker gegeben habe, die das Ruder herumgerissen hätten. Exemplarisch nannte er Margaret Thatcher. Zudem lobte der Commerzbank-Chefvolkswirt die positive Rolle der Tarifpartner in der Industrie, namentlich das Pforzheimer Modell. „Beschäftigungssicherung gegen Lohnzurückhaltung war ein erfolgreiches Modell.“
Text/Foto: IHK/AGV

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