{"id":7691,"date":"2017-10-14T10:18:30","date_gmt":"2017-10-14T08:18:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/?p=7691"},"modified":"2017-10-14T10:18:30","modified_gmt":"2017-10-14T08:18:30","slug":"verspaetungen-auf-der-spur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/verspaetungen-auf-der-spur\/","title":{"rendered":"Versp\u00e4tungen auf der Spur"},"content":{"rendered":"<p>\u201eWir bitten um Ihre Aufmerksamkeit. Die Regionalbahn nach Siegen wird voraussichtlich zehn Minuten sp\u00e4ter eintreffen\u2026\u201c. Wer kennt Durchsagen wie diese nicht? Besonders in Sto\u00dfzeiten, zu Ferienbeginn oder im Feierabendverkehr scheinen Versp\u00e4tungen, Betriebsausf\u00e4lle oder St\u00f6rungen bei den \u00f6ffentlichen Verkehrsbetrieben fast Normalit\u00e4t und Teil des Alltags zu sein. ForscherInnen der Universit\u00e4t Siegen untersuchen die Infrastruktur von Verkehrsbetrieben, um die Hintergr\u00fcnde von St\u00f6rungen oder Ausf\u00e4llen sichtbar zu machen. Das Projekt \u201eNormale Betriebsausf\u00e4lle. Struktur und Wandel von Infrastrukturen im \u00f6ffentlichen Dienst\u201c ist Teil des <a class=\" cd_intlink\" href=\"https:\/\/www.mediacoop.uni-siegen.de\/de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sonderforschungsbereichs \u201eMedien der Kooperation\u201c<\/a>. Geleitet wird es von Prof. Dr. J\u00f6rg Potthast.<\/p>\n<p>\u201eIn der St\u00f6rung wird das sichtbar, was sonst zumeist unsichtbar bleibt \u2013 die Arbeit der Menschen in den Betrieben. In der St\u00f6rung empfinden wir zun\u00e4chst einmal eine Entt\u00e4uschung unserer Erwartung. Wir erwarten eben, dass die Bahn oder der Bus p\u00fcnktlich kommt\u201c, erkl\u00e4rt Projekt-Mitarbeiter Dr. Tobias R\u00f6hl den Hintergrund des soziologischen Forschungsprojektes. St\u00f6rungen k\u00f6nnen viele Ursachen haben, von einfach zu behebenden wie nicht funktionierenden Gl\u00fchlampen oder Signalanlagen bis zu \u00fcberraschenden, nicht planbaren Sch\u00e4den \u2013 etwa einem Notarzteinsatz am Gleis oder einem Sturmschaden.<\/p>\n<p>Doch wie gehen Fahrg\u00e4ste und Verkehrsbetriebe mit solchen St\u00f6rungen um? Um die Perspektive der Fahrg\u00e4ste zu ermitteln, haben die Siegener WissenschaftlerInnen Fahrg\u00e4ste aus verschiedenen sozialen Schichten, Altersstufen und Bildungsst\u00e4nden befragt. Ausgew\u00e4hlt wurden dazu sechs Gruppen mit je vier bis sieben Personen. Dabei stellte sich heraus, dass f\u00fcr die Kunden die Frage der Verantwortung eine zentrale Rolle spielt. \u201eAls Kunde hat man die Vorstellung, dass sich im Falle einer St\u00f6rung jemand schnell und effektiv darum k\u00fcmmern und die Situation kl\u00e4ren sollte\u201c, sagt R\u00f6hl. Die Fahrg\u00e4ste w\u00fcnschen sich vor allem eine schnelle Information, im Bestfall mit der Nennung einer plausiblen Ursache. Wenig Verst\u00e4ndnis bringen Fahrg\u00e4ste \u00fcbrigens f\u00fcr Ausf\u00e4lle aufgrund eines Wintereinbruchs auf, da solche vorhersehbaren Wetterlagen als nicht \u201eunplanbar\u201c wahrgenommen werden.<\/p>\n<p>Im Rahmen des Forschungsprojektes beleuchten die WissenschaftlerInnen dar\u00fcber hinaus auch die Perspektive der Verkehrsbetriebe: Wie sind Arbeitsabl\u00e4ufe und Zust\u00e4ndigkeiten dort organisiert? Jeweils \u00fcber mehrere Wochen hat das Team verschiedene Verkehrsbetriebe im In- und Ausland besucht, darunter kleine und gro\u00dfe Unternehmen. Eine Beobachtung: Bei den gr\u00f6\u00dferen Verkehrsbetrieben gibt es professionelle St\u00f6rungsexperten, die rund um die Uhr in Bereitschaft sind. Sie verf\u00fcgen \u00fcber einen Pager, \u00e4hnlich dem der Feuerwehr, und k\u00f6nnen so bei Bedarf gerufen werden. Zwar erreichen die St\u00f6rungsexperten auch Eilmeldungen \u2013 im Unterschied zur Feuerwehr geht es jedoch in den seltensten F\u00e4llen um Leben und Tod. Dennoch haben die Experten die Auflage, ihren Wohnort maximal eine halbe Stunde Fahrtzeit von ihrem Einsatzort entfernt zu w\u00e4hlen. Bei Gro\u00dfbetrieben, erz\u00e4hlt R\u00f6hl, findet in St\u00f6rf\u00e4llen eine Arbeitsteilung zwischen verschiedenen Abteilungen statt. In kleineren und st\u00e4dtischen Betrieben sind die Techniker dagegen h\u00e4ufig \u201aM\u00e4dchen f\u00fcr Alles\u2018: Sie sind f\u00fcr technische Probleme wie defekte T\u00fcren ebenso verantwortlich, wie daf\u00fcr, schlafende oder betrunkene Fahrg\u00e4ste an die frische Luft zu begleiten. Auch \u201eexterne\u201c Probleme etwa durch freilaufende Hunde oder das Entfernen von Erbrochenem in Bus und Bahn geh\u00f6ren zu ihren Aufgaben.<\/p>\n<p>Kommt es zu einem St\u00f6rfall, ist die Dauer der dadurch verursachten Versp\u00e4tung stets von zentraler Bedeutung. So wird auch die Leistung der Wartungstechniker bei den Betrieben nach Versp\u00e4tungsminuten gemessen. Die \u201aSchuld\u2018-Frage werde von Kunden und Betrieben unterschiedlich beantwortet, erkl\u00e4rt R\u00f6hl: \u201eF\u00fcr die Fahrg\u00e4ste ist es immer die Organisation als ganze Schuld, wenn es ein Problem gibt. Auf Seiten der Verkehrsbetriebe wird dagegen genau hingeschaut, welche Abteilung oder welcher Wartungstechniker zust\u00e4ndig ist.\u201c Auch die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrungen der Betriebe suchen die Ursachen f\u00fcr Versp\u00e4tungen in einzelnen Abteilungen oder bei bestimmten Personen. Die Gewerkschaften wehren sich hingegen h\u00e4ufig gegen diese Sicht: Sie argumentieren, dass nicht die Leistung Einzelner f\u00fcr die Dauer von Versp\u00e4tungen entscheidend ist, sondern das Zusammenspiel der MitarbeiterInnen \/ Abteilungen.<\/p>\n<p>Nach welchen Kriterien bewerten die beteiligten Akteure St\u00f6rungen also jeweils? Das wollen die WissenschaftlerInnen anhand konkreter Beispiele herausarbeiten. Die W\u00fcnsche der Fahrg\u00e4ste und die Anforderungen der Verkehrsbetriebe sind in der Praxis nicht immer miteinander vereinbar: So kann der Ausfall eines Busses auf Kosten einzelner Fahrg\u00e4ste den Betrieb des ganzen Netzes garantieren. Sicherheitsbedenken m\u00fcssen mit dem Wunsch nach einer m\u00f6glichst schnellen St\u00f6rungsbehebung in Einklang gebracht werden. Ziel des Forschungsprojektes ist es, zu einem besseren Verst\u00e4ndnis gesellschaftlicher Erwartungen an Verkehrsinfrastrukturen und damit verbundenen Konfliktlinien beizutragen. Die WissenschaftlerInnen planen f\u00fcr 2018 au\u00dferdem eine Tagung zum Thema \u201eOn Time\u201c, die sich mit der Zeitplanung im Verkehrswesen auseinandersetzen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWir bitten um Ihre Aufmerksamkeit. Die Regionalbahn nach Siegen wird voraussichtlich zehn Minuten sp\u00e4ter eintreffen\u2026\u201c. Wer kennt Durchsagen wie diese nicht? 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