{"id":4258,"date":"2016-07-22T13:43:00","date_gmt":"2016-07-22T11:43:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/?p=4258"},"modified":"2016-07-22T13:43:39","modified_gmt":"2016-07-22T11:43:39","slug":"siegen-wird-urban","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/siegen-wird-urban\/","title":{"rendered":"Siegen wird urban"},"content":{"rendered":"<p>Auf der Sitzbank entlang der neuen Siegbr\u00fccke sitzen Menschen und essen Eis oder ruhen sich vom Shoppen aus. Tische und St\u00fchle des Caf\u00e9 Extrablatt sind voll belegt. Ebenso die neuen Sitzkreisel zwischen Caf\u00e9 und Siegpromenade. Dazwischen wird flaniert, gespielt, vorbeigeeilt oder geplaudert. Das Publikum ist extrem heterogen: Jugendliche, \u00c4ltere, Familien mit Kindern, Berufst\u00e4tige, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. \u201eIm Bereich rund um das Caf\u00e9 Extrablatt mischt sich alles, das ist sehr sch\u00f6n. Durch die Raumgestaltung haben alle Bev\u00f6lkerungsgruppen Zugang zu diesem Platz und k\u00f6nnen sich so zeigen, wie sie sind. Siegen ist hier wirklich sehr st\u00e4dtisch\u201c, sagt Sabine Meier. Sie ist Junior-Professorin f\u00fcr \u201eR\u00e4umliche Entwicklung und Inklusion\u201c an der Uni Siegen und hat mit einer Gruppe Studierender Teile der Unterstadt ethnographisch untersucht.<\/p>\n<p>Besonders interessiert haben sich die Architektur- und P\u00e4dagogik-Studierenden dabei f\u00fcr die Wechselbeziehung zwischen der Raumgestaltung und dem Verhalten der Menschen. \u201eJe nachdem, wie ein Raum entworfen ist, erm\u00f6glicht er erst bestimmte Verhaltensweisen,\u201c erkl\u00e4rt Prof. Meier. \u201eWir wollten schauen, wie die Bahnhofsstra\u00dfe und der neu entstandene Platz zwischen Bahnhofsstra\u00dfe, Br\u00fcder-Busch Stra\u00dfe und neuer Siegbr\u00fccke von den Menschen wahrgenommen wird, wie sie ihn nutzen.\u201c Dazu haben die Studierenden unter anderem Passanten und Caf\u00e9-Besucher befragt (nicht repr\u00e4sentativ), sie beobachtet und Momentaufnahmen festgehalten und ausgewertet.<\/p>\n<p>Sie haben zum Beispiel herausgefunden, dass der Platz rund um das Caf\u00e9 wie eine Art B\u00fchne fungiert: \u201eSehen und gesehen werden\u201c sei dort das zentrale Thema. Auch die Passanten-Befragung zeigt: Wer sich im Caf\u00e9 oder auf einer der zahlreichen B\u00e4nke niederl\u00e4sst, tut das h\u00e4ufig, um \u201ezu beobachten\u201c. \u201eDas geht in dem Bereich auch besonders gut\u201c, sagt Sabine Meier: \u201eDurch die Anordnung der Sitzgelegenheiten kann man andere vorbei flanieren lassen, ohne dabei selbst zu sehr auf dem Pr\u00e4sentierteller zu sitzen.\u201c F\u00fcr die Expertin ein \u00f6ffentlicher Raum, der gut funktioniert: \u201eIn Siegen hat man ja sonst oft das Gef\u00fchl, man trifft \u00fcberall Bekannte. Hier kann man beobachten und dabei anonym bleiben &#8211; das ist Urbanisierung!\u201c<\/p>\n<p>Fremden begegnen, ohne ihnen dabei zu nahe zu kommen \u2013 dieses Verhalten zeichnet Menschen in Gro\u00dfst\u00e4dten aus, erkl\u00e4rt Meier, die selbst viele Jahre in Amsterdam gelebt hat. \u201eEs geht darum, einander nicht zu ignorieren, sich aber auch nicht anzustarren.\u201c In der Soziologie bezeichnet man diesen Spagat des Blickverhaltens auch als \u201eh\u00f6fliche Gleichg\u00fcltigkeit\u201c. Ein Prinzip, das rund um das Extrablatt auch aufgrund der Raumgestaltung offenbar gelebt wird: \u201eUnsere Befragungen haben gezeigt, dass die Menschen zwar dorthin kommen, um zu beobachten. Gleichzeitig hat die Mehrzahl aber angegeben, sich selbst nicht beobachtet zu f\u00fchlen.\u201c Erm\u00f6glicht werde das durch planerische Details: \u201eZum Beispiel sind die Sitzkreise vor der Siegpromenade nach au\u00dfen gerundet. Das ist gestalterisch total genial: Man sitzt dort sehr eng nebeneinander, kann aber trotzdem f\u00fcr sich bleiben.\u201c<\/p>\n<p>Auch der neu gestalteten Bahnhofsstra\u00dfe attestiert die Analyse ein hohes Ma\u00df an Urbanit\u00e4t. \u201eDas ist einer der gemischtesten Orte in ganz Siegen\u201c, sagt Meier: \u201eEs gibt hier sehr viele unterschiedliche Menschen, die den Bereich ganz unterschiedlich nutzen.\u201c Zum einen ist die Bahnhofsstra\u00dfe eine wichtige Wegverbindung und damit Transitzone, haben die Studierenden beobachtet. Gleichzeitig wird dort aber auch flaniert und verweilt: Dazu l\u00e4dt besonders die Aufenthaltszone mit Spielm\u00f6glichkeiten und Ruhepunkten im mittleren Bereich ein. \u201eDie einzelnen Elemente gliedern den Raum und schaffen flie\u00dfende \u00dcberg\u00e4nge zwischen den unterschiedlichen Zonen\u201c, lobt Sabine Meier und schiebt noch eine pers\u00f6nliche Anmerkung hinterher: \u201eMit diesem Prozess der Urbanisierung entwickelt sich Siegen ein bisschen zu dem, was ich an Amsterdam so vermisse.\u201c<\/p>\n<p>Die Ergebnisse der Sozialraumanalysen sind noch bis zum 29. Juli in einer kleinen Schaufenster-Ausstellung in der Sandstra\u00dfe 9 zu sehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der Sitzbank entlang der neuen Siegbr\u00fccke sitzen Menschen und essen Eis oder ruhen sich vom Shoppen aus. 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