{"id":4191,"date":"2016-07-08T14:58:47","date_gmt":"2016-07-08T12:58:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/?p=4191"},"modified":"2016-07-08T14:58:47","modified_gmt":"2016-07-08T12:58:47","slug":"warum-fotografieren-sich-menschen-selber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/warum-fotografieren-sich-menschen-selber\/","title":{"rendered":"Warum fotografieren sich Menschen selber?"},"content":{"rendered":"<p>T\u00e4glich knipsen sich Millionen Menschen mit ihren Smartphones und stellen die Bilder ins Netz. Lydia Korte hat noch nie ein Selfie gepostet, sie mag sich selbst auf Fotos nicht besonders. Aber die 26-J\u00e4hrige hat die digitalen Selbstportr\u00e4ts zum Thema ihrer Doktorarbeit im Bereich Medien\u00e4sthetik an der Universit\u00e4t Siegen gemacht. \u201eIn meinem Freundes- und Bekanntenkreis sind Selfies total normal \u2013 fast jeder fotografiert sich selbst\u201c, erkl\u00e4rt Korte: \u201eIn der \u00f6ffentlichen Diskussion wird das ja h\u00e4ufig mit einem gewissen Narzissmus in Verbindung gebracht. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass alle meine Freunde so selbstverliebt sind.\u201c<\/p>\n<p>Welche anderen Gr\u00fcnde gibt es also, Selfies zu schie\u00dfen? Das m\u00f6chte Lydia Korte in den kommenden sechs Jahren untersuchen. \u201eSelfie-Kulturen\u201c lautet der Arbeitstitel ihrer Dissertation, die noch ganz am Anfang steht. Erst im April wurde sie offiziell angemeldet. Mit Selfies besch\u00e4ftigt sich Korte allerdings schon l\u00e4nger: Schon in ihrer Master-Arbeit hat die damalige Medienkultur-Studentin Selfies analysiert und Interviews mit \u201eSelfie-Takern\u201c (Menschen, die Selfies machen) gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Dabei hat sie zum Beispiel herausgefunden, dass sich bei Weitem nicht nur junge Menschen mit ihren Smartphones ablichten. Zwar seien Selfies bei den 15- bis 30-J\u00e4hrigen besonders beliebt, so Korte: \u201eAber auch \u00e4ltere Menschen fotografieren sich selbst, zum Beispiel im Urlaub oder mit den Enkeln.\u201c Frauen machten dabei etwas h\u00e4ufiger Selfies als M\u00e4nner \u2013 und ihre Posen auf den Fotos seien durchdachter: \u201eFrauen fotografieren sich mehr von oben und sie neigen den Kopf in einem bestimmten Winkel, um j\u00fcnger und sch\u00f6ner auszusehen\u201c, so die Doktorandin. M\u00e4nnern sei es dagegen eher wichtig, auf den Selbstportr\u00e4ts dominant und stark zu wirken.<\/p>\n<p>Wer glaubt, Lydia Korte w\u00fcrde f\u00fcr ihre Promotion den ganzen Tag Selfies betrachten und auswerten, irrt allerdings. Tats\u00e4chlich arbeitet sie in erster Linie theoretisch. Aktuell besch\u00e4ftigt sie sich zum Beispiel mit Erinnerungstheorien, also der Frage: \u201eWie erinnern wir?\u201c Ihre These: Wir machen Selfies auch, um uns zu erinnern. Dabei gehe es weniger um das Foto selbst, erkl\u00e4rt Korte, sondern vielmehr um das Selfie-Taking, also den Akt des Fotografierens: \u201eUnser Alltag ist so hektisch und so \u00fcberladen mit Ereignissen und Informationen. Wenn wir einen bestimmten Moment erinnerungsw\u00fcrdig finden und in einem Selfie festhalten, dann bedeutet allein das Fotografieren schon ein gewisses Innehalten.\u201c<\/p>\n<p>Einen besonderen Augenblick festhalten \u2013 das geht \u00fcber Selfies besonders gut, meint Korte: Durch die N\u00e4he zwischen Kamera und Gesicht lie\u00dfen sich auch die mit dem Moment verbundenen Emotionen einfangen und sp\u00e4ter besser erinnern. Au\u00dferdem stehe kein Fotograf dazwischen: \u201eSelfies werden oft spontan gemacht, der Selfie-Taker kann den Prozess selbst steuern und den Moment in seiner Unmittelbarkeit festhalten.\u201c<\/p>\n<p>Selfies werden aber auch genutzt, um Erinnerungen zu teilen, so die 26-j\u00e4hrige: \u201eAus dem Urlaub verschicken viele Menschen inzwischen eher ein Selfie, als eine Postkarte. Man schreibt nicht mehr ,Hier ist es sch\u00f6n, das Wetter ist super und mir geht\u2018s gut\u2018. Man schickt einfach ein Bild von sich, im Sonnenschein, vor toller Kulisse und jeder wei\u00df Bescheid.\u201c Diese visuelle Art der Kommunikation sei besonders bei jungen Menschen beliebt, sagt Lydia Korte. 15- bis 20-J\u00e4hrige w\u00fcrden heute eher Bilder versenden, als Texte zu tippen. Das zeigt sich auch in der Nutzung sozialer Medien: Viele Teenager sind mittlerweile mehr auf Instagram unterwegs, als bei Facebook. Auf der Foto-Plattform werden die meisten Selfies gepostet.<\/p>\n<p>Warum Menschen Selfies machen und was sie mit ihnen anstellen \u2013 das kann sich bis 2021, wenn Lydia Korte ihre Dissertation bei Doktorvater Prof. Dr. Peter Matussek einreichen will, nat\u00fcrlich noch \u00e4ndern. Schlie\u00dflich handelt es sich bei den digitalen Selbstportr\u00e4ts um ein relativ junges Ph\u00e4nomen. Begonnen hat der Trend mit dem Aufkommen sozialer Netzwerke, zu einer Massenbewegung ist er aber erst in den letzten Jahren geworden. Ihr sei bewusst, dass sie vermutlich immer wieder neue Aspekte mit einbeziehen, beziehungsweise Teile ihrer Arbeit nachtr\u00e4glich \u00e4ndern muss, sagt die Doktorandin: \u201eAber gerade das macht es ja so spannend.\u201c<\/p>\n<p>Auf Interesse st\u00f6\u00dft die Forschung von Lydia Korte schon jetzt: Noch diesen Monat soll ihr erster Artikel in einer Fachzeitschrift ver\u00f6ffentlicht werden.<\/p>\n<p>Tanja Hoffmann<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>T\u00e4glich knipsen sich Millionen Menschen mit ihren Smartphones und stellen die Bilder ins Netz. 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