{"id":4143,"date":"2016-07-01T11:05:44","date_gmt":"2016-07-01T09:05:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/?p=4143"},"modified":"2016-07-01T11:05:44","modified_gmt":"2016-07-01T09:05:44","slug":"plastiktueten-werden-kostenpflichtig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/plastiktueten-werden-kostenpflichtig\/","title":{"rendered":"Plastikt\u00fcten werden kostenpflichtig"},"content":{"rendered":"<p>Ab heute, dem 1. Juli 2016, gilt die Selbstverpflichtung des Handels, Plastikt\u00fcten nicht mehr gratis herauszugeben, sondern gegen einen geringen Aufpreis. Ziel ist es, den Verbrauch von Plastikt\u00fcten deutlich zu reduzieren. Die Ma\u00dfnahme zeigt zwei Dinge: Zum einen, dass auch ohne kostspielige, staatliche Regulierung Ma\u00dfnahmen zum Umweltschutz umgesetzt werden k\u00f6nnen. Zum anderen, dass kleine Ma\u00dfnahmen gro\u00dfe Wirkung haben k\u00f6nnen, wenn sie auf Verhaltensautomatismen der Menschen \u2013 sogenannte Habits \u2013 zielen. Genau diese k\u00f6nnen den langfristigen Erfolg der Ma\u00dfnahmen aber auch gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p>Die Vereinbarung des Bundesumweltministeriums und des Handelsverbands besagt, dass innerhalb von zwei Jahren 80 Prozent der Kunststofft\u00fcten im Einzelhandel kostenpflichtig werden sollen (HDE, 2016). Damit soll das Ziel einer EU-Richtlinie unterst\u00fctzt werden, die vorsieht, den Pro-Kopf-Verbrauch von Kunststofft\u00fcten deutlich zu reduzieren. Dass eine Bepreisung der T\u00fcten anstelle der Gratisabgabe ein geeignetes Mittel dazu ist, zeigen zahlreiche Beispiele in anderen L\u00e4ndern. In Irland f\u00fchrte die Einf\u00fchrung einer T\u00fctensteuer direkt nach der Einf\u00fchrung zu 90 Prozent geringerem Verbrauch (Convery et al., 2007).<\/p>\n<p>Dadurch ist Irland auch eines der EU-L\u00e4nder mit einem geringen Pro-Kopf-Verbrauch (siehe Abbildung). Auch andere L\u00e4nder, in denen Plastikt\u00fcten gr\u00f6\u00dftenteils kostenpflichtig sind, wie D\u00e4nemark oder Finnland, weisen einen geringen Verbrauch aus. Insbesondere Einwegt\u00fcten werden dort seltener genutzt. In Deutschland liegt der Verbrauch mit 71 T\u00fcten pro Person im unteren Bereich der verglichenen L\u00e4nder. Allerdings ist eine genaue Berechnung des Verbrauchs aufgrund fehlender Informationen \u2013 insbesondere in den osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern \u2013 nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<h2>Besitztumseffekt statt Preissensitivit\u00e4t<\/h2>\n<p>F\u00fcr Deutschland d\u00fcrfte der T\u00fctenverbrauch ab jetzt noch geringer werden, wenn neben den vielen Superm\u00e4rkten, die schon l\u00e4nger Tragetaschen bepreisen, auch der Einzelhandel \u2013 zum Beispiel Bekleidungsgesch\u00e4fte \u2013 f\u00fcr T\u00fcten einen Preis verlangt. Der zugrundeliegende Mechanismus liegt aber nicht in der Preissensitivit\u00e4t der Menschen, sondern vielmehr an Verhaltensautomatismen. Studien zeigen, dass die Preissensitivit\u00e4t \u2013 also die Ver\u00e4nderung der Nachfrage aufgrund von Preissteigerungen \u2013 bei einem niedrigen Preis wie dem der Plastikt\u00fcten h\u00e4ufig gering ist (Dikgang et al., 2011). Das bedeutet, dass der Preis von 10 bis 20 Cent, den viele H\u00e4ndler jetzt f\u00fcr eine T\u00fcte verlangen, den Konsumenten per se nicht zu teuer ist. Vielmehr k\u00f6nnen die Menschen die pl\u00f6tzliche Preiseinf\u00fchrung als einen Verlust im Vergleich zur vorherigen Situation interpretieren und deshalb vom Gebrauch der T\u00fcte absehen. F\u00fcr etwas zu bezahlen, was es sonst umsonst gab, ist vergleichbar mit einer Situation, in der einem ein Besitz weggenommen wird. Die Gratist\u00fcte ist der Referenzpunkt, an den die Konsumenten gew\u00f6hnt sind. Durch den Preis \u00fcberpr\u00fcfen die Konsumenten dann ihren tats\u00e4chlichen Bedarf. Gleichzeitig wird mit der bewussten Nachfrage, ob eine T\u00fcte ben\u00f6tigt wird, die Aufmerksamkeit des Konsumenten geweckt, sodass dieser \u00fcberhaupt \u00fcber die T\u00fcte nachdenkt und gegebenenfalls auch die Umweltfaktoren in seine Entscheidung miteinbezieht.<\/p>\n<h2>Langfristiger Effekt gef\u00e4hrdet<\/h2>\n<p>Genau diese Effekte k\u00f6nnten die Wirkung der Ma\u00dfnahme aber langfristig wieder gef\u00e4hrden, wenn sie nicht gleichzeitig zu einem anderen Bewusstsein der Konsumenten f\u00fchrt. Beispiele aus L\u00e4ndern, in denen die Einf\u00fchrung stattfand \u2013 u.a. S\u00fcdafrika und Irland \u2013 zeigen, dass nach einer kurzfristigen drastischen Minderung der Nachfrage langfristig wieder mehr Menschen zur Plastikt\u00fcte griffen (Dikgang et al, NAW, 2008). Auch das k\u00f6nnen verhaltens\u00f6konomische Effekte erkl\u00e4ren:<\/p>\n<ul class=\"square\">\n<li>\u201eGew\u00f6hnung\u201c: Die \u00c4nderung des Status Quo von \u201eumsonst\u201c auf \u201ekostenpflichtig\u201c f\u00fchrt zu drastischer Verhaltens\u00e4nderung. Ist es jedoch nach einiger Zeit normal, dass Plastikt\u00fcten kostenpflichtig sind, sinkt auch die Hemmschwelle, welche zu kaufen; zumal der Preis im Vergleich zum Einkauf gering ist. Irland hat aufgrund dieser Entwicklung den anf\u00e4nglichen Preis erh\u00f6ht. Ob das langfristig zu einer Bewusstseins\u00e4nderung f\u00fchrt, ist fraglich, denn dann kann der Preis eine Rechtfertigung werden.<\/li>\n<\/ul>\n<ul class=\"square\">\n<li>\u201eFreikaufen\u201c: Verhaltens\u00f6konomische Studien zeigen, dass sogenannte \u201eStrafzahlungen\u201c in verkraftbarer H\u00f6he dazu f\u00fchren k\u00f6nnen, dass eine soziale Norm zu einer Marktnorm wird. Kann man sich vom schlechten Gewissen \u201efreikaufen\u201c, nutzen viele Menschen die Gelegenheit gerne. Das zeigt unter anderem eine Studie zur Einf\u00fchrung von Strafzahlungen in Kinderg\u00e4rten, wenn die Eltern ihre Kinder zu sp\u00e4t abholten (Gneezy\/Rustichini, 2000). Entgegen der Erwartung nahmen die Versp\u00e4tungen deutlich zu, weil die Eltern die zus\u00e4tzliche Zeit bezahlen konnten. Im Falle der Plastikt\u00fcten k\u00f6nnte dieser Effekt dazu f\u00fchren, dass sich die Verbraucher zwar \u00fcber die Umweltsch\u00e4dlichkeit bewusst sind, ihren Versto\u00df aber durch die Zahlung als abgegolten sehen \u2013 \u00e4hnlich wie beim Pfand f\u00fcr Einwegflaschen und Dosen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ob auch in Deutschland ein solcher Effekt zu beobachten sein wird, ist heute noch nicht absehbar. Grunds\u00e4tzlich kann die Ma\u00dfnahme nat\u00fcrlich zu einer Bewusstseins\u00e4nderung f\u00fchren, sodass Konsumenten sich auch langfristig nachhaltiger verhalten. Die Benutzung alternativer Tragetaschen wie zum Beispiel Stoffbeutel oder Papiert\u00fcten k\u00f6nnte dann zur sozialen Norm werden, sodass Nutzer von Plastikt\u00fcten dagegen versto\u00dfen. Die Konsumenten m\u00fcssen sich daran aber erst gew\u00f6hnen und planen, eine andere Tasche mitzunehmen. Statt lediglich auf Strafzahlungen f\u00fcr Notfallt\u00fcten zu setzen, k\u00f6nnten auch positive Verst\u00e4rker f\u00fcr besonders umweltbewusste Verbraucher genutzt werden. Das funktioniert beispielsweise bei Refill-Verpackungen, bei deren Wiederauff\u00fcllung man einen Rabatt bekommt. Auch eine andere \u201eDefault\u201c-Option, also Voreinstellung, kann zur Aufkl\u00e4rung beitragen. Die Frage \u201epasst das noch in Ihre Tasche?\u201c anstelle von \u201ebrauchen Sie eine Tasche?\u201c kann ebenfalls das Bewusstsein erh\u00f6hen. Eine nachhaltige \u00c4nderung der sozialen Normen brauchen allerdings Zeit und Best\u00e4ndigkeit. Die jetzige Einf\u00fchrung ist ein erster Schritt dahin \u2013 sollte aber nicht der einzige bleiben.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.iwkoeln.de\/studien\/iw-kurzberichte\/beitrag\/kostenpflichtige-plastiktueten-verbrauch-koennte-langfristig-wieder-steigen-290997\" target=\"_blank\">IW, K\u00f6ln<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ab heute, dem 1. Juli 2016, gilt die Selbstverpflichtung des Handels, Plastikt\u00fcten nicht mehr gratis herauszugeben, sondern gegen einen geringen Aufpreis. 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