{"id":4109,"date":"2016-06-29T12:05:05","date_gmt":"2016-06-29T10:05:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/?p=4109"},"modified":"2016-06-29T12:05:05","modified_gmt":"2016-06-29T10:05:05","slug":"brexit-kein-kurzfristiger-schaden-fuer-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/brexit-kein-kurzfristiger-schaden-fuer-deutschland\/","title":{"rendered":"Brexit &#8211; Kein kurzfristiger Schaden f\u00fcr Deutschland"},"content":{"rendered":"<p>Die Bev\u00f6lkerung im Vereinigten K\u00f6nigreich hat sich knapp daf\u00fcr ausgesprochen, nach \u00fcber 40 Jahren die Europ\u00e4ische Union zu verlassen. Noch ist keine politische Entscheidung gefallen, was genau kommt. Die Entscheidungstr\u00e4ger werden wohl l\u00e4nger um Orientierung bei der Suche nach dem neuen britischen Normal ringen. Das wirft auch viele Fragen \u00fcber die Zukunft der britischen Wirtschaft auf. Der 23. Juni 2016 hinterlie\u00df einen wei\u00dfen Fleck auf der politischen und wirtschaftlichen Landkarte \u2013 uncharted territory!<\/p>\n<p>Im Vorfeld der Volksbefragung wurden viele Studien erstellt, die sich mit den m\u00f6glichen Auswirkungen eines Brexit auseinandergesetzt haben (siehe hierzu Busch\/Matthes, 2016). Welche kurzfristigen konjunkturellen Beeintr\u00e4chtigungen entstehen k\u00f6nnen, ist vor dem Hintergrund der aktuellen institutionellen Orientierungslosigkeit allerdings kaum absehbar (H\u00fcther, 2016). Die Handelsbeziehungen mit den britischen Unternehmen (siehe hierzu Busch, 2016) werden kurzfristig m\u00f6glicherweise nicht belastet, zumal sich bis zum Vollzug des Austritts die relevanten Bedingungen (z. B. Z\u00f6lle, Handelsbeschr\u00e4nkungen) nicht \u00e4ndern. Die Gesch\u00e4ftspartner jenseits und diesseits des Kanals werden versuchen, ihre langen und guten Beziehungen zu pflegen. Business as usual ist eine Option.<\/p>\n<p>Gefahren bestehen wohl eher mit Blick auf das Inves\u00adtitionsklima im Vereinigten K\u00f6nigreich. Ausl\u00e4ndische Investoren d\u00fcrften abwarten. Und es sollte auch nicht \u00fcberraschen, wenn die Investitionslaune der britischen Firmen auf geraume Zeit ged\u00e4mpft bleibt. Der von einer knappen Mehrheit gewollte Brexit schafft m\u00f6glicherweise weniger ein konjunkturelles Desaster als einen langfristigen Schaden f\u00fcr das britische Wachstumspotenzial.<\/p>\n<p>Was mag der drohende Brexit jetzt f\u00fcr die deutschen Unternehmen bedeuten? Einer ihrer wichtigsten Wirtschaftspartner ringt um Orientierung. Das verunsichert auch die Firmen hierzulande, und zwar in einer Situation, in der schon seit geraumer Zeit die Unsicherheit wieder ansteigt (Abbildung).<\/p>\n<p>Die Risikowahrnehmung der deutschen Unternehmen ist derzeit sehr ausgepr\u00e4gt. Dabei bereiten die Unsicherheiten der europ\u00e4ischen Politik \u2013 unabh\u00e4ngig vom Brexit \u2013 den Unternehmen hierzulande die gr\u00f6\u00dften Sorgen (Gr\u00f6mling, 2016). Dies zeigt sich zum Beispiel in den Unstimmigkeiten in der Europ\u00e4ischen Union hinsichtlich der Fl\u00fcchtlingsfrage, des ad\u00e4quaten Reformkurses angesichts der hohen Staatsverschuldungen und der notwendigen fiskalischen und realwirtschaftlichen Anpassungsschritte sowie mit Blick auf die expansive Geldpolitik der Europ\u00e4ischen Zentralbank.<\/p>\n<p>Zudem bremst die nachlassende Wirtschaftsdynamik in den aufstrebenden Volkswirtschaften die deutschen Exportperspektiven. Auch viele Schwellenl\u00e4nder ringen um eine Neuorientierung ihrer politischen und \u00f6konomischen Systeme. Die Wachstumsschw\u00e4che in den fortgeschrittenen L\u00e4ndern hat Struktur- und Technologieprobleme in einer Reihe von Emerging Markets forciert. Die politischen Verh\u00e4ltnisse verhindern auch hier oftmals die notwendigen Anpassungen. Und in dieser Situation bleiben inl\u00e4ndische und ausl\u00e4ndische Investoren eher zur\u00fcckhaltend. W\u00e4hrend die Schwellenl\u00e4nder \u00fcber lange Zeit kr\u00e4ftig expandierten und damit die Robustheit der deutschen Exportwirtschaft auch in Zeiten der Euro-Schuldenkrise begr\u00fcndeten, sorgen auch sie derzeit f\u00fcr Unsicherheit und Vorsicht.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund der wieder angestiegenen wirtschaftlichen und politischen Unsicherheiten bleiben die Konjunkturaussichten der exportstarken deutschen Wirtschaft in diesem und im kommenden Jahr moderat. Der gute Start in das Jahr 2016 \u2013 das reale BIP \u00fcbertraf im ersten Quartal 2016 den Vorquartalswert um 0,7 Prozent \u2013 \u00e4ndert am Gesamtbild nicht viel. Die gr\u00f6\u00dften Impulse kamen dabei vom Privaten und \u00f6ffentlichen Konsum. Hier materialisieren sich jedoch ausgepr\u00e4gte Sondereffekte: Zum einen stimulieren die niedrigen und im ersten Quartal nochmals gesunkenen Energiepreise und niedrige Finanzierungskosten den Privaten Konsum. Diese Effekte tragen aber nur vor\u00fcbergehend \u2013 weitere Impulse sind unwahrscheinlich. Zum anderen erfolgten merkliche Konjunkturimpulse \u00fcber den Konsum und die Investitionen der \u00f6ffentlichen Haushalte infolge der zus\u00e4tzlichen Staatsausgaben f\u00fcr die Versorgung und Integration der Fl\u00fcchtlinge.<\/p>\n<p>Erfreulicherweise zogen aber auch die privaten Investitionen in den letzten Quartalen an, vor allem die Ausr\u00fcstungsinvestitionen. Dies \u00fcberrascht angesichts der schwachen Exportt\u00e4tigkeit und gestiegenen Unsicherheit. Eine kr\u00e4ftig anziehende Investitionst\u00e4tigkeit wird gleichwohl f\u00fcr das gesamte Jahr 2016 nicht erwartet. Die Belastungen infolge der schleppenden Weltwirtschaft d\u00fcrften die Investitionsneigung hierzulande weiter deckeln. Die Exporte standen zuletzt deutlich im Schatten der Importe, die mit 3 Prozent doppelt so stark zulegten. Entsprechend bremste der Au\u00dfenbeitrag die konjunkturelle Dynamik hierzulande merklich ab.<\/p>\n<p>Infolge der positiven Sondereffekte \u2013 billiges Geld, billiges \u00d6l und billige W\u00e4hrung \u2013 ist Deutschland derzeit zwar jenseits von Stagnationssorgen. Gr\u00fcnde f\u00fcr mehr Zuversicht gibt es aber nicht \u2013 vor allem, wenn diese Sondereffekte auslaufen. Im ersten Quartal 2016 wurde das entsprechende Vorjahresergebnis trotz dieser R\u00fcckenwinde nur um 1,3 Prozent \u00fcbertroffen. Der drohende Brexit verst\u00e4rkt die Unsicherheit im Prognosezeitraum, die faktischen Gegenwinde durch die schwache Weltwirtschaft verst\u00e4rkt er aber nicht sp\u00fcrbar. Der anhaltende Tiefdruck \u00fcber Europa und den Schwellenl\u00e4ndern dominiert das Gesamtbild. Ein kr\u00e4ftiges Hoch \u00fcber Nordamerika ist nicht in Sicht. Das Institut der deutschen Wirtschaft K\u00f6ln erwartet somit nach wie vor f\u00fcr die Jahre 2016 und 2017 jeweils ein Wachstum des realen BIP in Deutschland in einer Gr\u00f6\u00dfenordnung von rund 1 \u00bd Prozent (IW-Forschungsgruppe Konjunktur, 2016). Die Besch\u00e4ftigung wird weiter leicht ansteigen und im Staatshaushalt kann trotz der fl\u00fcchtlingsbedingten Ausgaben ein Defizit vermieden werden.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.iwkoeln.de\/studien\/iw-kurzberichte\/beitrag\/deutsche-konjunktur-brexit-kein-kurzfristiger-schaden-fuer-deutschland-290593\" target=\"_blank\">IW, K\u00f6ln<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bev\u00f6lkerung im Vereinigten K\u00f6nigreich hat sich knapp daf\u00fcr ausgesprochen, nach \u00fcber 40 Jahren die Europ\u00e4ische Union zu verlassen. 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