{"id":3891,"date":"2016-06-01T10:14:06","date_gmt":"2016-06-01T08:14:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/?p=3891"},"modified":"2016-06-01T10:14:33","modified_gmt":"2016-06-01T08:14:33","slug":"wie-lange-arbeiten-fuer-ein-stabiles-rentenniveau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wie-lange-arbeiten-fuer-ein-stabiles-rentenniveau\/","title":{"rendered":"Wie lange arbeiten f\u00fcr ein stabiles Rentenniveau?"},"content":{"rendered":"<p>Ein stabiles Rentenniveau in der Gesetzlichen Rente l\u00e4sst sich mittelfristig nur mit einer h\u00f6heren Belastung der Erwerbst\u00e4tigengeneration erreichen \u2013 vorausgesetzt die Regelaltersgrenze bleibt auf dem politisch festgelegten Niveau. Das Rentenniveau k\u00f6nnte theoretisch stabilisiert werden, wenn die Menschen l\u00e4nger arbeiteten. Die Frage ist nur: wie viel l\u00e4nger?<\/p>\n<p>Die Gesetzliche Rentenversicherung ist mit drei Trends konfrontiert:<\/p>\n<p><strong>Erstens<\/strong> ist die Lebenserwartung der Menschen in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen. Die stellt eine Herausforderung f\u00fcr die umlagefinanzierte Gesetzliche Rentenversicherung dar: Lag die durchschnittliche Rentenbezugsdauer in den alten Bundesl\u00e4ndern in 1960 noch bei 9,9 Jahren f\u00fcr M\u00e4nner respektive 10,6 Jahren f\u00fcr Frauen, erhielten im Jahr 2014 M\u00e4nner im Durchschnitt 19,3 Jahre eine Rente, Frauen 21,4 Jahre. Auch dadurch stieg die Zahl der Rentner insgesamt an. 2014 lag der Rentenbestand in Westdeutschland bei 20,2 Millionen \u2013 1960 nur bei 7,9 Millionen (Deutsche Rentenversicherung, 2015).<\/p>\n<p><strong>Zweitens<\/strong> liegt die Geburtenrate seit den 1970er-Jahren unterhalb einer Geburtenrate von 2,1 Kindern pro Frau, die notwendig w\u00e4re, um das Bev\u00f6lkerungsniveau stabil zu halten.<\/p>\n<p><strong>Drittens<\/strong> altern gerade die geburtenstarken Jahrg\u00e4nge der 1950er-\/1960er-Jahre. Diese sogenannten Babyboomer stehen heute teilweise noch im Erwerbsleben, wechseln nun aber nach und nach in die Rente.<\/p>\n<p>Diese drei Trends f\u00fchren dazu, dass der Anteil der 67-J\u00e4hrigen und \u00e4lteren bereits bis 2030 um etwa ein Drittel zunimmt. Selbst die gegenw\u00e4rtig h\u00f6here Zuwanderung kann dies nicht kompensieren. In Zukunft m\u00fcssen also weniger Erwerbst\u00e4tige die Rentenanspr\u00fcche der \u00c4lteren finanzieren. Um diese nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig zu belasten, hat die Politik bereits reagiert und mit dem Nachhaltigkeitsfaktor in der Rentenanpassungsformel und einem Anheben der Regelaltersgrenze die notwendige Beitragssatzerh\u00f6hung abged\u00e4mpft. Ersterer f\u00fchrt dazu, dass das Rentenniveau langfristig sinkt, wenn zunehmend mehr Rentner einer abnehmenden Anzahl an Beitragszahlern gegen\u00fcber steht. Arbeiten die Menschen aber l\u00e4nger und wechseln sp\u00e4ter in die Rente, wirkt dies dieser Entwicklung entgegen.<\/p>\n<p>Das Renteneintrittsalter k\u00f6nnte also auch so weit nach hinten verschoben werden, dass das Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnis zwischen Erwerbst\u00e4tigen- und der Rentnergeneration konstant bliebe. Dann w\u00fcrde der Nachhaltigkeitsfaktor keine Senkung des Rentenniveaus bewirken. W\u00e4re es also m\u00f6glich, beides zu haben \u2013 keine Beitragssatzsteigerung und ein stabiles Rentenniveau \u2013 und daf\u00fcr ein bisschen l\u00e4nger zu arbeiten? Aber wie viel w\u00e4re \u201eein bisschen\u201c?<\/p>\n<p>Dazu ein sehr einfaches Gedankenexperiment: W\u00fcrde sich das Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnis zwischen der Erwerbst\u00e4tigen- und der Rentnergeneration nicht \u00e4ndern, k\u00f6nnte das Rentenniveau mindestens gehalten werden oder sich sogar verbessern \u2013 vorausgesetzt, die wirtschaftlichen Bedingungen und damit die Lohnentwicklung blieben weiterhin g\u00fcnstig. Wie hoch m\u00fcsste in diesem Fall die Regelaltersgrenze gesetzt werden?<\/p>\n<p>Herangezogen werden die Daten der Deutschen Rentenversicherung und die der Variante 1 der 13. koordinierten Bev\u00f6lkerungsvorausberechnung (Statistisches Bundesamt, 2015a). Vereinfacht angenommen wird, dass 75 Prozent jeder Altersgruppe in der Gesetzlichen Rentenversicherung versichert sind \u2013 dies entspricht in etwa dem Anteil der 20- bis 54-j\u00e4hrigen gesetzlich Rentenversicherten in 2013 an der Gesamtbev\u00f6lkerung in der entsprechenden Altersgruppe. Betrachtet werden das Erwerbspersonenpotenzial \u2013 alle Personen zwischen 20 und dem Renteneintrittsalter \u2013 und die potentiellen Rentner, also alle Personen ab Renteneintrittsalter. Damit wird von der k\u00fcnftigen Entwicklung der sozialversicherungspflichtigen Besch\u00e4ftigung abstrahiert und der Anteil der in der Gesetzlichen Rentenversicherung Versicherten an der Gesamtbev\u00f6lkerung konstant gehalten. Abstrahiert wird au\u00dferdem zun\u00e4chst von Fr\u00fchverrentung und Besch\u00e4ftigung jenseits der Regelaltersgrenze. Angenommen wird somit, dass die Regelaltersgrenze auch dem tats\u00e4chlichen Renteneintrittsalter entspricht, die Menschen also genau zum gesetzlich festgelegten Zeitpunkt in Rente gehen.<\/p>\n<p>F\u00fcr 2013 ergibt sich so ein errechneter Rentnerquotient r \u2013 das Verh\u00e4ltnis von potenziellen Rentnern zu potenziell Erwerbst\u00e4tigen \u2013 von etwa 34 Prozent, das hei\u00dft: Knapp drei Personen im Erwerbsalter kommen auf einen Rentner. Soll dieser Quotient in den n\u00e4chsten Jahrzehnten h\u00f6chsten mit einem Prozentpunkt \u00fcberschritten werden d\u00fcrfen, m\u00fcsste das Renteneintrittsalter stark ansteigen (siehe Abbildung): Liegt es in 2015 bei 65 Jahren, m\u00fcsste es in 2030 bei 69 und in 2035 bereits bei 71 Jahren liegen. Ab 2041 k\u00f6nnte es dann bei 73 Jahren konstant gehalten werden.<\/p>\n<p>Da hier nur potenzielle Erwerbst\u00e4tige und potenzielle Rentner betrachtet werden, l\u00e4sst sich einwenden, dass es f\u00fcr die Gesetzliche Rentenversicherung selbst bei einem h\u00f6heren Rentnerquotienten in der Gesamtbev\u00f6lkerung noch Spielraum gibt. Denn 2013 standen bereits rund 36 Millionen aktiv Versicherte knapp 21 Millionen Rentner innerhalb der Gesetzlichen Rentenversicherung gegen\u00fcber (Deutsche Rentenversicherung, 2015) \u2013 obwohl nur knapp 17 Millionen Personen in der Gesamtbev\u00f6lkerung \u00e4lter als 65 Jahre waren (Statistisches Bundesamt, 2015b). Das durchschnittliche Renteneintrittsalter lag bei 61,3 Jahren, \u00fcber die H\u00e4lfte der Neu-Rentner gingen vor 65 Jahren in Rente (Deutsche Rentenversicherung, 2015). W\u00fcrden mehr Menschen bis zur Regelaltersgrenze arbeiten, k\u00f6nnte sich das Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnis von Beitragszahlern zu Rentnern auch verbessern, ohne dass die Regelaltersgrenze zun\u00e4chst angehoben werden m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Doch selbst bei einem in der Rechnung gro\u00dfz\u00fcgiger angelegten Rentnerquotienten von maximal 45 Prozent m\u00fcsste sich das Renteneintrittsalter ab 2036 auf 69 Jahre und ab 2045 auf 70 Jahre erh\u00f6hen. Nur bei einem Rentnerquotienten von maximal 0,5 k\u00f6nnte das Renteneintrittsalter ab 2039 nur um ein weiteres Jahr auf 68 Jahre statt der gegenw\u00e4rtig gesetzlich festgelegten 67 Jahre steigen.<\/p>\n<p>Die Annahme, dass ein derart stilisierter Rentnerquotient von 0,5 bezogen auf die Gesamtbev\u00f6lkerung zu einem konstanten Sicherungsniveau und konstanten Beitragss\u00e4tzen erreichbar ist, ist jedoch zu optimistisch. So m\u00fcsste unter anderem die Fr\u00fchverrentung sowie die Verrentung aufgrund von Erwerbsminderung drastisch zur\u00fcckgehen und es m\u00fcssten sehr viel mehr Personen als heute jenseits der Regelaltersgrenze arbeiten, um ein tats\u00e4chliches durchschnittliches Renteneintrittsalter von 67 beziehungsweise 68 Jahren zu realisieren.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft: Zwar ist die hier angestellte Rechnung stark vereinfacht und abstrahiert von der Entwicklung der sozialversicherungspflichten Besch\u00e4ftigung. Deutlich wird aber, dass die demografische Entwicklung keinen gro\u00dfen Handlungsspielraum l\u00e4sst. Ein stabiles Rentenniveau in der Gesetzlichen Rentenversicherung bei gleichbleibender Beitragsbelastung l\u00e4sst sich nur mit einem starken Anheben der Regelaltersgrenze verwirklichen. Soll die Regelaltersgrenze also nicht extrem ansteigen, bleibt nur eine Kombination aus beidem: ein h\u00f6heres Renteneintrittsalter und ein Absenken des allgemeinen Rentenniveaus. Ersteres l\u00e4sst sich auch erreichen, ohne dass die Regelaltersgrenze stark angehoben werden muss. Denn das durchschnittliche Renteneintrittsalter kann auch erh\u00f6ht werden, wenn Konzepte, die zu einer l\u00e4ngeren Lebensarbeitszeit beitragen, weiter verbessert werden.<\/p>\n<p>Umgekehrt hei\u00dft das aber: Ein stabiles Rentenniveau bei gleichbleibendem Renteneintrittsalter l\u00e4sst sich nur zu Lasten der k\u00fcnftig Erwerbst\u00e4tigen erreichen. Rente mit 67, ein stabiles Rentenniveau und beides bei gleichbleibenden Beitragss\u00e4tzen \u2013 das ist politisches Wunschdenken, dem die Demografie einen Strich durch die Rechnung machen wird.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.iwkoeln.de\/studien\/iw-kurzberichte\/beitrag\/gesetzliche-rentenversicherung-wie-lange-arbeiten-fuer-ein-stabiles-rentenniveau-285314\" target=\"_blank\">IW, K\u00f6ln<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein stabiles Rentenniveau in der Gesetzlichen Rente l\u00e4sst sich mittelfristig nur mit einer h\u00f6heren Belastung der Erwerbst\u00e4tigengeneration erreichen \u2013 vorausgesetzt die Regelaltersgrenze bleibt auf dem&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":3892,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[32],"tags":[],"class_list":["post-3891","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-infos"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/04820300.jpg","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3891","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3891"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3891\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3894,"href":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3891\/revisions\/3894"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3892"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3891"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3891"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3891"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}