{"id":3339,"date":"2016-03-10T09:58:58","date_gmt":"2016-03-10T08:58:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/?p=3339"},"modified":"2016-03-10T10:15:24","modified_gmt":"2016-03-10T09:15:24","slug":"geldpolitik-zwischen-deflation-und-finanzieller-repression","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/geldpolitik-zwischen-deflation-und-finanzieller-repression\/","title":{"rendered":"Geldpolitik zwischen Deflation und finanzieller Repression"},"content":{"rendered":"<p>Die Geldpolitik der Europ\u00e4ischen Zentralbank trifft alle: Unternehmen, Arbeitnehmer, Rentner, etc., auch in Siegen-Wittgenstein. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat hierzu einen interessanten Beitrag ver\u00f6ffentlicht, den wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen.<\/p>\n<p>Im Februar 2016 sanken die Verbraucherpreise im Euroraum gegen\u00fcber ihrem Vorjahresmonat um 0,2 Prozent, nachdem sie im Januar um nur 0,3 Prozent gestiegen waren. Dies weckt die Erwartung nach weiteren expansiven geldpolitischen Ma\u00dfnahmen. Diskutiert werden ein st\u00e4rkerer Einsatz von Negativzinsen und eine Einschr\u00e4nkung der Bargeldnutzung sowie der Einsatz von sogenanntem Helikoptergeld. Vor der Nutzung dieser gravierenden Ma\u00dfnahmen ist aber eine Analyse ihrer Zweckdienlichkeit und ihrer Nebenwirkungen erforderlich. An beidem bestehen Zweifel.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Euroraum ist es fraglich, ob die aktuelle Situation mit der im M\u00e4rz 2015 oder der im September 2015 vergleichbar ist. W\u00e4hrend die Preise im September 2015 f\u00fcr lediglich einen Monat sanken, fielen sie im M\u00e4rz 2015 f\u00fcr vier Monate in Folge. Die Situation im M\u00e4rz erforderte den Einsatz des QE, w\u00e4hrend die negative Inflationsrate im September lediglich Hintergrundrauschen war. Aus diesem Grund ist es noch verfr\u00fcht, die Wirksamkeit von QE anzuzweifeln und weitere geldpolitische Ma\u00dfnahmen zu fordern.<\/p>\n<p>Es ist zu erwarten, dass die EZB im M\u00e4rz aufgrund schlechter Inflationszahlen sowie aufgrund der globalen Konjunkturrisiken ihre Geldpolitik weiter lockern wird. M\u00f6glicherweise wird sie den Zins f\u00fcr Banken auf -0,4 Prozent senken. F\u00fcr die USA ist erst einmal ein Abwarten der Federal Reserve plausibel. Vermutlich wird sie im Juni 2016 den n\u00e4chsten Zinsschritt durchf\u00fchren k\u00f6nnen. In den USA ist der Arbeitsmarkt zwar weiterhin nahe der Vollbesch\u00e4ftigung, jedoch k\u00f6nnte das Sinken der \u00d6lpreise auch in den USA der Inflation die Fahrt nehmen. Mit nur 1,3 Prozent im Januar 2016 ist die Inflationsrate zwar unter ihrem Zielwert von 2 Prozent. Doch es droht kein Deflationsszenario.<\/p>\n<p>\u00d6konomen wie Miles Kimball oder Andrew Haldane fordern den Einsatz von Negativzinsen zur Belebung der Konjunktur (Agrawal\/Kimball, 2015). Nach ihrer Logik sind negative Zentralbankzinsen vergleichbar mit konventionellen Zinssenkungen. Dies ist aber nicht der Fall, da der Negativzins dem Wesen des Kredites widerspricht. Denn ein Kredit wird in dem Glauben gew\u00e4hrt, dass die Kreditsumme in der Zukunft zu 100 Prozent zur\u00fcckgezahlt wird. Ein Negativzins wird aber von Seiten der Gl\u00e4ubiger als ein partieller Kreditausfall wahrgenommen. Es ist zu vermuten, dass die Zinselastizit\u00e4ten der Investitionsnachfrage und der Ersparnis im negativen Bereich nicht mit denen in einem \u201enormalen\u201c Zinsumfeld entsprechen. Die negativen Zinsen auf Zentralbankeinlagen durchlaufen damit nicht den gewohnten Transmissionsmechanismus. Prognosen mit historischen Daten \u00fcber die Effektivit\u00e4t von Negativzinsen f\u00fchren zu Fehlschl\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die Effektivit\u00e4t von Negativzinsen zur Belebung der Konjunktur ist damit anzuzweifeln. Die M\u00f6glichkeit von Negativzinsen auf Zentralbankguthaben ergibt sich ausschlie\u00dflich daraus, dass Zentralbanken monopolistische Anbieter der monet\u00e4ren Basis sind und die monet\u00e4re Basis zwar eine Verbindlichkeit der Zentralbank, aber keinen Anspruch auf R\u00fcckzahlung darstellt. Bei den Kundeneinlagen der Banken besteht aber ein Anspruch auf R\u00fcckzahlung. Zudem stehen die Banken in einem Wettbewerb um diese Kundeneinlagen, so dass sie einen Negativzins nur als Ultima Ratio an ihre Kunden weitergeben w\u00fcrden. Der negative Zentralbankzins wird wohl nur die Zinsergebnisse der Banken schm\u00e4lern, was in Zeiten von knappem Eigenkapital zu einer Reduzierung ihrer Risikoaktiva f\u00fchren wird.<\/p>\n<p>Aber selbst f\u00fcr den Fall, dass Banken einen Negativzins auf Guthaben erheben k\u00f6nnten und w\u00fcrden, so ist ein positiver Effekt auf die Ausgaben von Unternehmen und Haushalten nicht notwendigerweise gegeben:<\/p>\n<ul>\n<li>Zur Umgehung von Negativzinsen werden die Unternehmen ihre Ausgaben nicht erh\u00f6hen, denn diese h\u00e4ngen von entscheidenderen Faktoren, wie den gesamtwirtschaftlichen Wachstumsaussichten, ab.<\/li>\n<li>Der Negativzins auf Zentralbankguthaben f\u00fchrt dazu, dass der risikofreie Zins sinkt. Banken w\u00fcrden dann Investitionsprojekte finanzieren, die sie bei einem h\u00f6heren risikofreien Zins nicht finanziert h\u00e4tten. Es ist aber aufgrund der mehrfach nach unten korrigierten Wachstumserwartungen fraglich, ob die Unternehmen mehr Kredite nachfragen.<\/li>\n<li>Haushalte werden ihre Konsumausgaben nicht erh\u00f6hen und auch ihre Ersparnis nicht senken, da die Notwendigkeit der Altersvorsorge aus einer Langlebigkeit und einem vergleichsweise niedrigen Renteneintrittsalter entsteht. Negativzinsen verteuern lediglich die Altersvorsorge. Eine Studie hat ermittelt, dass im L\u00e4nderdurchschnitt 17 Prozent der Haushalte ihre Ersparnis bei Negativzinsen erh\u00f6hen werden. F\u00fcr die USA betr\u00e4gt dieser Anteil 26 Prozent, f\u00fcr \u00d6sterreich 25 Prozent und f\u00fcr Deutschland 11 Prozent (Cliffe, 2016).<\/li>\n<li>F\u00fcr eine Umgehung des Negativzinses bietet sich nicht nur die Hortung von Bargeld an, sondern auch Investitionen in Rohstoffe und Digitalw\u00e4hrungen, wie Bitcoin. Eine zunehmende Flucht von Finanzinvestoren in Rohstoffe ist problematisch. Eine Verknappung des Angebots ist zu bef\u00fcrchten. Eine Flucht in Digitalw\u00e4hrungen w\u00fcrde die Akzeptanz der gesetzlichen Zahlungsmittel unterlaufen, da Digitalw\u00e4hrungen nicht nur zur Wertaufbewahrung, sondern auch als Zahlungsmittel verwendet werden k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Negativzinsen m\u00f6gen zwar in Schuldnerl\u00e4ndern positiv auf die Konjunktur wirken, nicht aber in Gl\u00e4ubigerl\u00e4ndern (Gros, 2016). \u00dcberschuldung sollte aber mit den Instrumenten des Insolvenzrechts gel\u00f6st werden und nicht \u00fcber finanzielle Repression.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Investitionen sind nicht wegen zu hoher Zinsen niedrig, sondern wegen fehlender Wachstumserwartungen sowie aufgrund einer hohen politischen Verunsicherung, was an Indikatoren, wie dem Policy Uncertainty Index zu erkennen ist.<\/p>\n<p>Negativzinsen und die damit einhergehende Forderung zur Abschaffung des Bargelds verunsichern die Wirtschaftsteilnehmer in einer Zeit, in der Vertrauen in die W\u00e4hrung wichtig ist. Die Abschaffung und sogar nur die Einschr\u00e4nkung des Bargeldes werden zu einem gro\u00dfen Vertrauensverlust in Politik und W\u00e4hrung f\u00fchren.<\/p>\n<p>Zunehmend wird auch der Einsatz von sogenanntem Helikoptergeld diskutiert. Dabei sollen entweder \u00f6ffentliche Investitionen oder aber Steuersenkungen durch die Zentralbank finanziert werden. Grunds\u00e4tzlich ist das Helikoptergeld monet\u00e4re Staatsfinanzierung und zumindest der EZB verboten. Zwar ist jede historische Hyperinflation das Resultat einer Finanzierung von Staatsausgaben \u00fcber die Notenpresse. Doch ist es das Erzeugen von Hyperinflation nicht mit einer Vermeidung von Deflation vergleichbar. Denn anders als QE f\u00f6rdert Helikoptergeld Begehrlichkeiten von Regierungen und schr\u00e4nkt die Unabh\u00e4ngigkeit einer Zentralbank in der Inflationsbek\u00e4mpfung ein.<\/p>\n<p>Die aktuellen Deflationsrisiken sind zum einen auf den niedrigen \u00d6lpreis und zum anderen auf einer fehlenden Investitionsnachfrage zur\u00fcckzuf\u00fchren, die das Resultat der noch immer andauernden Bilanzrezession ist. So fehlt es der Wirtschaft aktuell nicht an geldpolitischem Stimulus, sondern an positiven Wachstumsaussichten. Letztere kann die Geldpolitik aber nicht liefern.<\/p>\n<p>Quelle:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.iwkoeln.de\/infodienste\/iw-kurzberichte\/beitrag\/iw-zinsausblick-maerz-2016-geldpolitik-zwischen-deflation-und-finanzieller-repression-270285\" target=\"_blank\">Institut der deutschen Wirtschaft K\u00f6ln e.V.\u00a0<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geldpolitik der Europ\u00e4ischen Zentralbank trifft alle: Unternehmen, Arbeitnehmer, Rentner, etc., auch in Siegen-Wittgenstein. 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