{"id":33368,"date":"2025-09-23T13:47:39","date_gmt":"2025-09-23T11:47:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/?p=33368"},"modified":"2025-09-23T13:48:56","modified_gmt":"2025-09-23T11:48:56","slug":"nahost-krise-aussenexperte-dr-andreas-reinicke-gibt-tiefe-einblicke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/nahost-krise-aussenexperte-dr-andreas-reinicke-gibt-tiefe-einblicke\/","title":{"rendered":"Nahost-Krise: Au\u00dfenexperte Dr. Andreas Reinicke gibt tiefe Einblicke"},"content":{"rendered":"<p data-start=\"281\" data-end=\"949\">\u201eWir lassen nach wie vor zu viele Chancen im Nahen Osten liegen. Eine \u00f6ffentliche Diskussion \u00fcber die deutschen und europ\u00e4ischen Interessen in der Region ist \u00fcberf\u00e4llig!\u201c Eindringlich warb Dr. Andreas Reinicke vor mehr als 100 aufmerksamen Zuh\u00f6rern im Haus der Siegerl\u00e4nder Wirtschaft f\u00fcr ein st\u00e4rkeres Gewicht der Geopolitik in der deutschen und europ\u00e4ischen Au\u00dfenpolitik. Auf Einladung der Arbeitgeberverb\u00e4nde Siegen-Wittgenstein und der IHK Siegen ordnete der Direktor des Deutschen Orient-Instituts die globalen Machtverschiebungen infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, die Konflikte im Nahen Osten und die Eskalationen rund um Gaza ein.<\/p>\n<p data-start=\"951\" data-end=\"1548\">Viele Menschen in Deutschland h\u00e4tten das Gef\u00fchl, die Welt sei aus den Fugen geraten. Diesen Eindruck teile er zwar nicht, betonte der langj\u00e4hrige Diplomat, aber: \u201eDie Welt ist stark in Bewegung geraten. Was in der Au\u00dfenpolitik geschieht, geht uns ganz unmittelbar an. Der sprichw\u00f6rtliche \u201aSack Reis, der in China umf\u00e4llt\u2018, kann uns heute nicht mehr gleichg\u00fcltig sein!\u201c In einem Parforceritt gab Dr. Andreas Reinicke fundierte Einblicke in historische, religi\u00f6se und wirtschaftliche Hintergr\u00fcnde und Abh\u00e4ngigkeiten. Im Mittelpunkt: die \u201eMutter\u201c vieler Auseinandersetzungen: der Pal\u00e4stinakonflikt.<\/p>\n<p data-start=\"1550\" data-end=\"2280\">Der ehemalige Botschafter Deutschlands in Syrien und Tunesien sowie Sonderbeauftragte der Europ\u00e4ischen Union f\u00fcr den Nahost-Friedensprozess griff dabei immer wieder auf pers\u00f6nliche Erfahrungen und Kontakte in der Krisenregion zur\u00fcck und veranschaulichte auch die \u201earabische Sichtweise\u201c, wonach die Briten das Land nach Aufl\u00f6sung des Osmanischen Reiches den Pal\u00e4stinensern versprochen h\u00e4tten. \u201eStattdessen erlebten die Menschen nun eine j\u00fcdische Einwanderung, vor allem aus Osteuropa, die als Kolonialisierung empfunden wurde.\u201c Die Juden s\u00e4hen das Gebiet des Staates Israels hingegen als historisches Heimatland der Juden. Sowohl \u00fcber Pal\u00e4stina als auch \u00fcber dem Westjordanland stehe seitdem die Kernfrage: \u201eWer darf hier leben?\u201c<\/p>\n<p data-start=\"2307\" data-end=\"2999\"><strong>Dr. Reinicke: &#8222;Kein Interesse an Geisel-Verhandlungen&#8220;<\/strong><br \/>\nDas aktuelle Kriegsgeschehen werde erheblich von religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen beeinflusst: \u201eWer eine Verhandlungsdelegation an einem neutralen Ort angreift, sendet eine mehr als eindeutige Botschaft: Es besteht kein Interesse an Verhandlungen!\u201c F\u00fcr die Geiseln in der Hand der Hamas sei dies kein gutes Signal. Immerhin seien die meisten Geiseln durch Verhandlungen freigekommen, nicht durch den Einsatz des Milit\u00e4rs. Die Zusammensetzung und der religi\u00f6se Einfluss der Religion in der aktuellen Regierung Israels einerseits und die aktuellen Truppenbewegungen andererseits deuteten auf durchaus weitergehende Kriegsziele hin, wom\u00f6glich zur Ausweitung des Staatsgebietes auf biblische Urspr\u00fcnge.<\/p>\n<p data-start=\"3001\" data-end=\"3640\">Die Nachbarstaaten Israels h\u00e4tten ihrerseits Sorge vor einem Erstarken religi\u00f6ser Bewegungen, insbesondere der Muslimbruderschaft, der auch die Hamas zuzuordnen ist. Sunniten, Schiiten: Auch die unterschiedlichen Glaubensrichtungen des Islam wirkten sich auf den Konflikt aus, erschwerten zum Beispiel die milit\u00e4rische Abstimmung zwischen Hisbollah und Hamas, die es Israel am Ende erm\u00f6glichte, Gegner nacheinander zu bek\u00e4mpfen. Und auch die Positionierung des amerikanischen Pr\u00e4sidenten und der US-Regierung k\u00f6nnte von religi\u00f6sen Motiven aus dem Feld evangelikaler Christen beeinflusst sein, die Donald Trump im Wahlkampf unterst\u00fctzten.<\/p>\n<p data-start=\"3642\" data-end=\"4797\">Einer der Profiteure der fortw\u00e4hrenden Auseinandersetzungen: China. Den \u00fcberwiegenden Anteil seiner reichen Erd\u00f6lvorkommen exportiere der Iran in das Reich der Mitte. Dr. Reinicke: \u201eOffenkundig zahlt sich die historische Vermittlerrolle Chinas zwischen Saudi-Arabien und dem Iran aus.\u201c Zur Befriedung des Konflikts unterst\u00fctze die deutsche Au\u00dfenpolitik eine Zweistaatenl\u00f6sung, die aber von Israel derzeit ebenso abgelehnt wird wie ein gemeinsamer Staat. Auch das Konzept f\u00fcr eine Sicherheitskonferenz im Nahen Osten nach dem Vorbild der NATO betrachtet der erfahrene Diplomat als nicht realistisch. Aktuell st\u00fcnden die Zeichen auf eine Vertreibung der Pal\u00e4stinenser aus Gaza und dem Westjordanland \u2013 eine Entwicklung, die Deutschland unmittelbar betreffe: Es drohten gro\u00dfe Bev\u00f6lkerungsbewegungen. Angesichts der zunehmenden Radikalisierung wachse die Gefahr von Anschl\u00e4gen. Die deutsche Unterst\u00fctzung der EU-Sanktionen gegen Israel bewertet Dr. Reinicke als richtigen Schritt. \u201eIsrael m\u00fcssen Grenzen aufgezeigt werden. Das Existenzrecht ist wichtige S\u00e4ule deutscher Au\u00dfenpolitik, aber nicht identisch mit blo\u00dfer Solidarit\u00e4t mit der Regierung Netanjahu.\u201c<\/p>\n<p data-start=\"4799\" data-end=\"5466\">Es falle schwer, angesichts dieser Entwicklungen positiv zu denken, bilanzierte Christian F. Kocherscheidt, IHK-Vizepr\u00e4sident und Vorsitzender des Verbandes der Siegerl\u00e4nder Metallindustriellen (VdSM): \u201eWir haben schon genug mit den hausgemachten wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen zu tun, brauchen Kompromisse, Reformen und Ver\u00e4nderungen. Neben den allgegenw\u00e4rtigen Krisenherden erleben wir in f\u00fcr uns wichtigen Staaten ein historisches Ma\u00df an Unsicherheit. Zum einen bremsen einige Unternehmen ihr China-Gesch\u00e4ft, um Risiken zu verringern, zum anderen r\u00fccken nun auch Abh\u00e4ngigkeiten von den USA in den Fokus.\u201c Daher brauche es jetzt weitere Handelsabkommen.<\/p>\n<p data-start=\"5468\" data-end=\"5805\">Positiv bewertete Dr. Andreas Reinicke vor diesem Hintergrund die Chancen f\u00fcr deutsche Unternehmen in Syrien und \u00c4gypten, in denen viele im Bereich der Digitalisierung versierte Fachkr\u00e4fte bereitst\u00fcnden. K\u00fcrzere Transportwege machten zudem verst\u00e4rkte Handelsbeziehungen mit diesen oder anderen L\u00e4ndern der Region zunehmend attraktiver.<\/p>\n<p data-start=\"5468\" data-end=\"5805\">Text\/Foto: IHK<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWir lassen nach wie vor zu viele Chancen im Nahen Osten liegen. 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