{"id":23612,"date":"2021-05-13T14:45:13","date_gmt":"2021-05-13T12:45:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/?p=23612"},"modified":"2021-05-13T14:45:13","modified_gmt":"2021-05-13T12:45:13","slug":"veraenderungen-als-chancen-begreifen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/veraenderungen-als-chancen-begreifen\/","title":{"rendered":"&#8222;Ver\u00e4nderungen als Chancen begreifen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Die Corona-Pandemie ver\u00e4ndert unsere Innenst\u00e4dte und unsere Arbeitswelt. Diese Ver\u00e4nderungen sollten wir als Chancen begreifen, sagt Prof. Dr.-Ing. Lamia Messari-Becker, Bauingenieurin und Professorin f\u00fcr Geb\u00e4udetechnologie und Bauphysik an der Universit\u00e4t Siegen. Wie B\u00fcrgerInnen auch auf dem Land und auch der Klimaschutz davon profitieren k\u00f6nnen, beantwortet sie im Interview.<\/p>\n<p>&lt;<strong>Was macht die Pandemie mit unseren Innenst\u00e4dten?<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_23613\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/lmb_enrico_santifaller_thum.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-23613\" class=\"size-medium wp-image-23613\" src=\"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/lmb_enrico_santifaller_thum-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/lmb_enrico_santifaller_thum-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/lmb_enrico_santifaller_thum-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/lmb_enrico_santifaller_thum-768x768.jpg 768w, https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/lmb_enrico_santifaller_thum.jpg 777w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-23613\" class=\"wp-caption-text\">Univ.-Prof. Dr.-Ing. Lamia Messari-Becker. Bildnachweis: Enrico Santifaller<\/p><\/div>\n<p><strong>Univ.-Prof. Dr.-Ing. Lamia Messari-Becker:<\/strong>\u00a0Im Moment verursacht die Pandemie die gr\u00f6\u00dften Ruinen unserer Zeit. B\u00fcrogeb\u00e4ude in Metropolen stehen leer w\u00e4hrend viele ArbeitnehmerInnen im Homeoffice arbeiten. Der Einzelhandel stirbt w\u00e4hrend der Onlinehandel boomt. Nach der Pandemie wird nicht alles wieder so sein wie vorher und das sollten wir auch gar nicht anstreben. Denn wir sollten die Pandemie und den Wandel als Chance begreifen. Die Frage, die wir uns stellen m\u00fcssen, ist: Wie geht es nach der Pandemie weiter? Was lernen wir daraus und was k\u00f6nnen wir gemeinsam besser machen?<\/p>\n<p><strong>Wie schaffen wir es, den Leerstand als Chance zu nutzen? Sie haben k\u00fcrzlich einen Kommentar in der F.A.Z. ver\u00f6ffentlicht, in dem es um diese Frage geht.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Messari-Becker:<\/strong>\u00a0Ein sozial-\u00f6kologischer Stadtumbau steht ohnehin an. Diesen sollten wir nutzen, indem wir den Leerstand als Leergut begreifen und eine neue Baukultur etablieren. Bauen mit dem Bestand d\u00fcrfte r\u00e4umlich, architektonisch und ingenieurtechnisch eine der spannendsten Aufgaben der j\u00fcngeren Baugeschichte werden. So habe ich es auch in\u00a0<a class=\" cd_extlink\" href=\"https:\/\/zeitung.faz.net\/faz\/feuilleton\/2021-05-10\/den-leerstand-als-leergut-begreifen\/608215.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">meinem F.A.Z.-Kommentar<\/a>\u00a0formuliert. Viele Menschen haben mich auf meinen Kommentar angesprochen.\u00a0Ihnen waren die Aspekte l\u00e4ndlicher Raum oder soziale Mischung in den Wohnvierteln wichtig.<\/p>\n<p><strong>Wie kann diese neue Baukultur konkret aussehen und wie wollen Sie sicherstellen, dass Sie die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger \u2013 auch im l\u00e4ndlichen Raum \u2013 mitnehmen?<\/strong><\/p>\n<div>\n<p><strong>Messari-Becker:<\/strong>\u00a0Wir m\u00fcssen Bau-, Raum und Stadtentwicklung mit der Lebensrealit\u00e4t der Menschen zusammenbringen. Das geschieht bisher zu selten. F\u00fcr St\u00e4dte gilt zum Beispiel: Isolierte monofunktionale Geb\u00e4ude, wie Shopping Malls oder reine B\u00fcro-Komplexe, sind nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df. Hier geht es darum, neue Nutzungsm\u00f6glichkeiten auszuloten und umzusetzen. Warum funktionieren wir solche Geb\u00e4ude nicht teilweise in Wohnraum um? Der Bau-, Raum und Stadtentwicklungspolitik wurde in den letzten Jahren keine gro\u00dfe politische Bedeutung beigemessen. Das muss anders werden. Generell brauchen wir kleinteiligere kompaktere Strukturen, Orte der kurzen Wege, klimaresiliente Infrastruktur, mehr Urbanit\u00e4t, bezahlbares Wohnen egal ob auf dem Land oder in der Stadt. Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Freizeit sollten wenn m\u00f6glich eng beieinander liegen.<\/p>\n<p><strong>Wie kann man sich das in D\u00f6rfern vorstellen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Messari-Becker:<\/strong>\u00a0Der l\u00e4ndliche Raum m\u00fcsste mittel- und langfristig so umgestaltet werden, dass es M\u00f6glichkeiten zum Einkaufen in der N\u00e4he und klimafreundliche Mobilit\u00e4tsangebote gibt. Durch Orte der kurzen Wege fallen automatisch einige Gr\u00fcnde zum Pendeln weg. Das verringert die Flucht vom Land und es st\u00e4rkt auch die lokale Wirtschaft. Und wir nehmen so den Druck von der Stadt. Dazu kommt: Die Arbeit von vielen Menschen hat sich w\u00e4hrend der Pandemie ins Digitale verlagert. Nicht mehr alle Arbeitspl\u00e4tze befinden sich in der Stadt. Das bisher so selbstverst\u00e4ndliche Pendeln mit dem eigenen Auto ist teilweise nicht mehr notwendig. Homeoffice kann k\u00fcnftig teilweise beibehalten werden. Der l\u00e4ndliche Raum ist damit nicht mehr ausschlie\u00dflich ein gr\u00fcner oder g\u00fcnstiger Ort zum Wohnen, sondern auch zum Arbeiten, insbesondere wenn wir daf\u00fcr sorgen, dass die \u201eBaustelle Digitalisierung\u201c insgesamt angegangen wird. Durch politisches Handeln und Investitionen sollten wir daran arbeiten, die Kluft zwischen Stadt und Land zu mindern, um f\u00fcr alle Menschen Perspektiven zu bieten. Stadt und Land sollten wieder Partner sein.<\/p>\n<p><strong>W\u00fcrden sich Orte der kurzen Wege auch positiv auf den Klimaschutz auswirken?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Messari-Becker:<\/strong>\u00a0Ja, denn wir geben den Menschen dadurch die M\u00f6glichkeit, sich klimafreundlich zu verhalten. Es muss darum gehen, dass sich Menschen von A nach B sicher, schnell, \u00f6kologisch und bezahlbar bewegen k\u00f6nnen. Viele Menschen m\u00f6chten etwas f\u00fcr den Klimaschutz tun, zum Beispiel im Bereich Mobilit\u00e4t oder Haussanierung. Aber die H\u00fcrden, die B\u00fcrokratie und die Kosten sind f\u00fcr viele zu hoch. Das h\u00f6re ich immer wieder und diese R\u00fcckmeldungen habe ich auch auf meinen Kommentar in der F.A.Z. zuhauf bekommen. Sind wir ehrlich: F\u00fcr viele auf dem Land kommen Bus und Bahn aufgrund der schlechten Anbindung nicht infrage. Das Auto immer unattraktiver zu machen, hilft diesen Menschen nicht. Ausbau des \u00d6PNV, digitalisiertes Verkehrsmanagement, eine funktionierende Anbindung und auch kurze Wege schon. Wir sollten da ansetzen, wo wir die Menschen in ihrer Realit\u00e4t ansprechen. Auch und gerade im l\u00e4ndlichen Raum.<\/p>\n<p><strong>Sie sprechen das Thema Sanierung an. Wie sieht bei diesem Thema die Realit\u00e4t der Menschen aus?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Messari-Becker:<\/strong>\u00a0Wenn mir Rentner erz\u00e4hlen, dass sie ihr Haus gern sanieren m\u00f6chten, das F\u00f6rderrecht aber vorsieht, dass meist\u00a0 Ma\u00dfnahmenpakete gef\u00f6rdert werden \u2013 dann sind das exorbitant hohe Summen, die viele nicht so einfach stemmen k\u00f6nnen. Ich pl\u00e4diere daf\u00fcr, dass es erm\u00f6glicht wird, dass jeder in seinem eigenen Tempo sanieren k\u00f6nnen soll. Einzelne Schritte nacheinander f\u00fcr z.B. Fenstererneuerung, Fassadend\u00e4mmung und Heizungsaustausch w\u00e4ren viel realit\u00e4tsn\u00e4her als ein komplettes, unflexibles Ma\u00dfnahmenpaket. Eine weitere M\u00f6glichkeit ist, einen r\u00e4umlichen Mehrwert baurechtlich zuzulassen, z.B. \u00fcber Aufstockungen, Anbauten etc.\u00a0Ich bin \u00fcberzeugt, dass wir viel mehr Menschen in die Lage versetzen k\u00f6nnen, ihre H\u00e4user zu sanieren, als bisher. Daf\u00fcr m\u00fcsste aber das Bau- und F\u00f6rderrecht reformiert werden.<\/p>\n<p><strong>Die Bundesregierung m\u00f6chte beschlie\u00dfen, dass die CO2-Abgaben auf Heizung zu 50% von Mietern und zu 50% von Vermietern getragen werden. Wie bewerten Sie das<\/strong><strong>?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Messari-Becker:<\/strong>\u00a0Was gerecht klingt, wird uns l\u00e4nger besch\u00e4ftigen. Es wird nicht einfacher und es werden Fragen aufkommen: Verbrauchswerte, Sanierungspflichten der Vermieter, das Nutzerverhalten der Mieter usw. Ich bin gespannt, ob das uns den Zielen n\u00e4herbringt. Jedenfalls sollte man das flankieren. Es darf nicht dazu f\u00fchren, dass die Miete weiter erh\u00f6ht wird oder Vermieter nicht mehr vermieten wollen.<\/p>\n<p><strong>Wie k\u00f6nnen wir gew\u00e4hrleisten, dass auch in Quartieren mit wenig finanziellen Mitteln H\u00e4user saniert werden?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Messari-Becker:<\/strong>\u00a0H\u00e4ufig sind es Menschen in sozial schw\u00e4cheren Gegenden, die in schlechten Wohnverh\u00e4ltnissen leben und dabei aufgrund des energetischen Zustands der Geb\u00e4ude hohe Heizkosten haben. Ich pl\u00e4diere daf\u00fcr, dass sich alle Player zusammentun: Die Politik, die Industrie und die Wohnungsbauwirtschaft. Mit einem Fonds f\u00fcr warmmietenneutrale Sanierungen w\u00e4re vielen Menschen geholfen. Denn so k\u00f6nnten auch H\u00e4user in sozial schw\u00e4cheren Quartieren saniert werden, die Unternehmen w\u00fcrden mit den Sanierungen legitim ihr Geld verdienen, und gleichzeitig k\u00f6nnte man vermeiden, dass danach die Mietpreise so sehr steigen, dass sich die bisherigen Mieter die Wohnungen nicht mehr leisten k\u00f6nnen. Das nenne ich soziale Innovation in einer sozial-\u00f6kologischen Marktwirtschaft. Wir wollen Klimaschutz voranbringen, aber mit den Menschen im Mittelpunkt, mit sozialem Auge und gemeinsam mit der Wirtschaft. Wir brauchen eine Bau- und Stadtentwicklungspolitik, die die Menschen in den Mittelpunkt stellt. Nur so motivieren wir alle, sich freiwillig f\u00fcr den Klimaschutz einzusetzen, und erm\u00f6glichen es ihnen \u00fcberhaupt erst, sich daran zu beteiligen.<\/p>\n<p>Ob es Klimaschutz, bezahlbares Wohnen, Energie- und Mobilit\u00e4tswende, soziale Mischung etc., die Herausforderungen und die Chancen sind im Bausektor und in der Stadtentwicklung gro\u00df. All das kann nur ein eigenst\u00e4ndiges Bauministerium stemmen.<\/p>\n<p><strong>Hintergrund<\/strong><br \/>\nUniv.-Prof. Dr.-Ing. Lamia Messari-Becker (48) ist Bauingenieurin und Professorin f\u00fcr Geb\u00e4udetechnologie und Bauphysik an der Universit\u00e4t Siegen. Sie ist Mitglied im Club of Rome International, im Konvent der Bundesstiftung Baukultur und war bis 2020 Mitglied im Sachverst\u00e4ndigenrat f\u00fcr Umweltfragen (SRU) der Bundesregierung.<\/p>\n<p>Info: <a href=\"https:\/\/www.uni-siegen.de\/start\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Universit\u00e4t Siegen<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Corona-Pandemie ver\u00e4ndert unsere Innenst\u00e4dte und unsere Arbeitswelt. Diese Ver\u00e4nderungen sollten wir als Chancen begreifen, sagt Prof. Dr.-Ing. 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