{"id":21238,"date":"2020-11-23T11:49:53","date_gmt":"2020-11-23T10:49:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/?p=21238"},"modified":"2020-11-25T08:57:35","modified_gmt":"2020-11-25T07:57:35","slug":"leben-und-arbeiten-in-pandemie-zeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/leben-und-arbeiten-in-pandemie-zeiten\/","title":{"rendered":"Leben und Arbeiten in Pandemie-Zeiten"},"content":{"rendered":"<p>Wie nutzen Menschen w\u00e4hrend der Pandemie Videokonferenzen? Und wie \u00e4ndert das unser Arbeiten, unser Lernen und unser soziales Miteinander? Um das zu erfahren, analysieren MedienwissenschaftlerInnen der Universit\u00e4t Siegen, wie User auf Twitter diese Fragen diskutieren, darunter Privatpersonen, Institutionen und Unternehmen. Von Ende Februar bis Ende April 2020 filterten die WissenschaftlerInnen solche Inhalte auf Twitter, die das Suchwort \u201eremote\u201c beinhalteten. Remote bedeutet im Deutschen fern oder kontaktfrei und wird zum Beispiel im Zusammenhang mit Arbeit, Lernen oder Kommunikation aus der Ferne benutzt. Von diesen rund 110.000 englischsprachigen Tweets analysierten die ForscherInnen zun\u00e4chst die Beitr\u00e4ge mit vielen Retweets, also die Texte, die am h\u00e4ufigsten geteilt oder kommentiert worden sind. \u201eTwitter bildet \u2013 trotz einiger demografischer Besonderheiten \u2013 eine mediale \u00d6ffentlichkeit, die sich gut analysieren l\u00e4sst. Denn anders als zum Beispiel Facebook oder WhatsApp, wo vieles bzw. alles in privaten Gruppen geschieht, ist Twitter ein \u00f6ffentliches Medium\u201c, erkl\u00e4rt Projektleiter Dr. Axel Volmar vom Sonderforschungsbereich Medien der Kooperation an der Uni Siegen. \u201eUnd zwar sowohl auf der Ebene der Tweets selbst, welche von heterogenen AkteurInnengruppen produziert werden, als auch auf der Ebene der Programmierschnittstelle, der sog. API. Der \u00f6ffentliche Zugriff \u00fcber die API erm\u00f6glicht es uns beispielsweise, Tweets mit Hilfe digitaler Werkzeuge automatisch von der Plattform auszulesen und zu aggregieren.\u201c<\/p>\n<p>Die untersuchten Tweets h\u00e4tten eindrucksvoll gezeigt, wie sich der Stellenwert des r\u00e4umlichen Zusammenseins durch die Pandemie entscheidend ver\u00e4ndert hat. Besonders interessant finden Volmar und seine KollegInnen Charline Kindervater und Sebastian Randerath, dass vor der Corona-Pandemie der Bedarf an Videokonferenzen eher gering war und die Software prim\u00e4r f\u00fcr Gespr\u00e4chssituationen genutzt wurde \u2013 obwohl die technischen Mittel schon mehr hergegeben h\u00e4tten. Ein Anbieter von Videokonferenz-Software, der durch die Pandemie besonders gro\u00dfen Zulauf bekommen hat, hei\u00dft Zoom. \u201eWenn Zoom vor der Pandemie genutzt wurde, dann meist in Tech-Firmen oder Start-Ups \u2013 also in Firmen, in denen ohnehin schon lokal verteilt gearbeitet wurde\u201c, berichtet der Medienwissenschaftler. \u201eObwohl der Grad der Digitalisierung in der Gesellschaft so hoch ist, wurde das Potential von Videokonferenzen in Unternehmen und Institutionen vor der Pandemie \u00fcberhaupt nicht ausgereizt\u201c, fasst Volmar zusammen. \u201eKaum jemand konnte sich \u00fcberhaupt vorstellen, dass man mit Hilfe von Videokonferenzen auch \u00fcber Entfernungen hinweg gemeinsam an einem Projekt arbeiten kann, zum Beispiel an einem Dokument oder einer Pr\u00e4sentation.\u201c Mittlerweile \u00fcberwiege das Kollaborative und ziehe sich sogar bis ins Private: Yoga \u00fcber Zoom sei mittlerweile nichts Au\u00dfergew\u00f6hnliches mehr.<\/p>\n<p>Auch die Telearbeit \u2013 im Englischen remote work \u2013 also das Arbeiten fern des gew\u00f6hnlichen Arbeitsplatzes, habe vor der Pandemie im englischsprachigen Raum eine untergeordnete Rolle gespielt und sich eher auf freie T\u00e4tigkeiten und bestimmte Bereiche wie Kundenbetreuung und digitale Dienstleistungen beschr\u00e4nkt. Innerhalb von Organisationen sei die Haltung und Einsch\u00e4tzung der meisten Chefs eher ablehnend gewesen. \u201eVor der Corona-Krise galt Telearbeit als schwer umsetzbar und wenig erstrebenswert. Nach den Ank\u00fcndigungen von Lockdowns ab Mitte M\u00e4rz konnte es den meisten dann gar nicht schnell genug gehen\u201c, sagt Volmar und \u00e4u\u00dfert die Hoffnung, dass die Kontakt-Beschr\u00e4nkungen in dieser Hinsicht auch als Chance genutzt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Insbesondere f\u00fcr Menschen mit Behinderung w\u00e4re eine gr\u00f6\u00dfere Akzeptanz von Telearbeit von Vorteil, wie sich in der Auswertung der Tweets gezeigt habe. \u201eDas Thema hatten wir, um ehrlich zu sein, vorab gar nicht so vorrangig auf unserer Agenda\u201c, gibt der Medienwissenschaftler zu. Hier habe sich der Vorteil der Twitter-Analyse gegen\u00fcber einer \u00fcblichen Meinungsumfrage gezeigt, da sich die Menschen von sich aus zu vielen Themen und Kontroversen \u00e4u\u00dfern, die ihnen wichtig sind. \u201eMan erh\u00e4lt daher auch viele Antworten, zu denen man eigentlich gar keine Fragen hatte, und merkt dann oft, dass sie sehr spannend und relevant sind.\u201c F\u00fcr Menschen mit Behinderung k\u00f6nnte eine allgemeine Verbreitung von Telearbeit eine verbesserte Teilhabe und einen besseren Zugang zum Arbeitsmarkt zur Folge haben. \u201eViele haben sich auf Twitter emp\u00f6rt und sehr emotional ge\u00e4u\u00dfert mit dem Tenor: Warum wurde uns vor der Pandemie immer gesagt, Telearbeit sei nicht m\u00f6glich, und jetzt, wo es Menschen ohne Behinderung betrifft, wird alles in Bewegung gesetzt?\u201c fasst Volmar zusammen.<\/p>\n<p>Beim Thema Telearbeit seien aber auch sozio\u00f6konomische Aspekte diskutiert worden. So sei eine ortsunabh\u00e4ngige Erledigung von T\u00e4tigkeiten eher bei Berufen m\u00f6glich, die Menschen mit akademischem Abschluss aus\u00fcben, sagt Volmar. \u201eEs gab auf Twitter einige Kritik daran, dass Personen mit B\u00fcrojobs besser gesch\u00fctzt w\u00fcrden, da sie eher von zu Hause aus arbeiten k\u00f6nnen.\u201c Gleichzeitig seien es gerade die sozialen Berufe in der Pflege und der Versorgung, die schlechter bezahlt w\u00fcrden und in denen ArbeitnehmerInnen nicht von zu Hause arbeiten k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Die ForscherInnen wollen jetzt die Anzahl der zu untersuchenden Tweets weiter erh\u00f6hen, um die Belastbarkeit ihrer Zwischenergebnisse zu \u00fcberpr\u00fcfen. Dar\u00fcber hinaus wollen sie zus\u00e4tzlich quantitative Methoden zur Analyse ihres Datensatzes einsetzen. Einen \u00e4hnlichen Versuchsaufbau planen Volmar und sein Team auch bereits f\u00fcr deutschsprachige Tweets. Ihre Zwischenergebnisse haben sie im Herbst bei der Jahrestagung des Sonderforschungsbereichs Medien der Kooperation vorgestellt \u2013 nat\u00fcrlich digital im Rahmen einer Videokonferenz. Thema der diesj\u00e4hrigen Jahrestagung war die \u201ePandemische Kooperation: Medien und Gesellschaft in Corona-Zeiten\u201c.<\/p>\n<p>Bild und Info: <a href=\"https:\/\/www.uni-siegen.de\/start\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Universit\u00e4t Siegen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie nutzen Menschen w\u00e4hrend der Pandemie Videokonferenzen? Und wie \u00e4ndert das unser Arbeiten, unser Lernen und unser soziales Miteinander? 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