{"id":21046,"date":"2020-11-10T10:14:23","date_gmt":"2020-11-10T09:14:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/?p=21046"},"modified":"2020-11-10T10:31:55","modified_gmt":"2020-11-10T09:31:55","slug":"mit-untauglichen-mitteln-die-krise-bewaeltigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/mit-untauglichen-mitteln-die-krise-bewaeltigen\/","title":{"rendered":"Mit untauglichen Mitteln die Krise bew\u00e4ltigen"},"content":{"rendered":"<p>\u201eWeniger arbeiten \u2013 mehr verdienen\u201c, das ist auf eine kurze Formel gebracht das Rezept der IG Metall, mit dem die Gewerkschaft Arbeitspl\u00e4tze und Besch\u00e4ftigung in der gr\u00f6\u00dften Wirtschaftskrise in der Geschichte der Bundesrepublik sichern will. Gestern hat der Vorstand der IG Metall in Frankfurt seine Forderungsempfehlung f\u00fcr die Tarifrunde 2021 in der Metall- und Elektroindustrie bekannt gegeben mit genau dieser Grundaussage. Konkret will die Gewerkschaft f\u00fcr die mehr als 3,8 Millionen Besch\u00e4ftigten, von denen derzeit ein Gro\u00dfteil in Kurzarbeit ist, \u201ezur St\u00e4rkung der Einkommen und f\u00fcr die Finanzierung der Besch\u00e4ftigungssicherung ein Volumen von bis zu 4 Prozent bei einer Laufzeit von zw\u00f6lf Monaten\u201c fordern. Hinzu kommt au\u00dferdem die Forderung nach einer 4-Tage-Woche mit Teillohnausgleich.<\/p>\n<p>Der IG Metall-Vorstand begr\u00fcndet H\u00f6he und Struktur seiner Forderungsempfehlung mit den \u201ewirtschaftlichen Rahmenbedingungen und den erkennbaren Auswirkungen der aktuellen Krise auf die Besch\u00e4ftigung\u201c. \u201eDer verteilungsneutrale Spielraum f\u00fcr eine Entgeltforderung ergibt sich aus einer Trendproduktivit\u00e4t von ca. 1 Prozent und der Zielinflationsrate der EZB von bis zu 2 Prozent.\u201c \u201eWeiter ist zu ber\u00fccksichtigen\u201c, so der IG Metall-Vorstand, \u201edass die Entgelttabellen im M\u00e4rz 2020 um weitere neun Monate fortgeschrieben wurden und damit die Inflationsentwicklung 2020 keine Ber\u00fccksichtigung fand.\u201c<\/p>\n<p>Da stellt sich zun\u00e4chst einmal die Frage, was ist eigentlich eine Trendproduktivit\u00e4t und was eine Zielinflationsrate? Beides sind letztlich nur Erwartungen, ohne konkreten Bezug zur Realit\u00e4t. Hier ist quasi der Wunsch der Vater des Gedanken. Tats\u00e4chlich ist die Produktivit\u00e4t coronabedingt in diesem Jahr deutlich zur\u00fcckgegangen. Das liegt auch daran, dass sich 63 Prozent der Betriebe mit 68 Prozent der Besch\u00e4ftigten in Kurzarbeit befinden. Dies d\u00fcrfte auch noch eine ganze Weile so bleiben. Ein kurzfristiger R\u00fcckgang ist nicht zu erwarten. Die Kapazit\u00e4tsauslastung der Betriebe liegt nur noch bei 76 Prozent. Normal sind eigentlich 85 Prozent. Der Umsatzr\u00fcckgang liegt im Schnitt zwischen 20 und knapp 30 Prozent.<\/p>\n<p>Neben der Trendproduktivit\u00e4t argumentiert der IG Metall-Vorstand auch mit der Zielinflation der Europ\u00e4ischen Zentralbank. Die liegt gew\u00fcnscht bei zwei Prozent. Aktuell betr\u00e4gt sie in Deutschland allerdings -0,2 Prozent. Seit Februar 2020 ist die Inflationsrate kontinuierlich zur\u00fcckgegangen. Beide Argumente, Produktivit\u00e4t und Inflation, taugen also nicht als Begr\u00fcndung f\u00fcr die Volumenforderung von bis zu 4 Prozent.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus m\u00f6chte die Gewerkschaft in der kommenden Tarifrunde \u201eeinen tariflichen Rahmen f\u00fcr optionale Modelle der Arbeitszeitabsenkung wie die 4-Tage-Woche mit Teillohnausgleich und Zukunftstarifvertr\u00e4ge\u201c schaffen. Abgesehen davon, dass es bereits Modelle und Regelungen zur Reduzierung von Arbeitszeiten in krisenbetroffenen Unternehmen gibt, kann eine solche Arbeitszeitabsenkung auf Betriebs- und Unternehmensebene durchaus ein sinnvolles Mittel sein, allerdings nur im Einzelfall und, wie die IG Metall selber anmerkt: optional. Das funktioniert aber nur, wenn die Entgelte entsprechend sinken und damit auch Kosten verringert werden k\u00f6nnen. Arbeit zu verteuern ist sicherlich kein praktikabler Weg, um Besch\u00e4ftigung in der Krise zu sichern. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt. Die Gewerkschaft argumentiert, dass eine Arbeitszeitverk\u00fcrzung gleichzeitig zu einer Produktivit\u00e4tssteigerung f\u00fchren w\u00fcrde. Diese Auffassung hat sie aber ziemlich exklusiv. Schon seit Jahren beklagt sie ja die Zunahme einer gesundheitsgef\u00e4hrdenden Arbeitsverdichtung. Eine 4-Tage-Woche w\u00fcrde die Arbeitsverdichtung weiter verst\u00e4rken. Das passt so nicht zusammen.<\/p>\n<p>Insgesamt geht die Forderungsempfehlung des IG Metall-Vorstand weit an der Realit\u00e4t vorbei. Die Folgen der Corona-Pandemie haben die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der Metall- und Elektroindustrie auch in Siegen-Wittgenstein auf einen langen Zeitraum gravierend ver\u00e4ndert. Es wird dauern, bis die Unternehmen die daraus resultierenden Verluste kompensiert haben. Zwar zeigen sich erste Besserungstendenzen, aber die Risiken bleiben auch 2021 hoch. Die Sozialpartner sollten deshalb alles tun, um die Auswirkungen des gr\u00f6\u00dften Wirtschaftseinbruchs in der Geschichte dieses Landes so gering wie m\u00f6glich zu halten. Wenn dies geschafft ist, kann auch wieder \u00fcber Entgeltsteigerungen und anderes verhandelt werden, vorher jedoch nicht.<\/p>\n<p>Ho<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWeniger arbeiten \u2013 mehr verdienen\u201c, das ist auf eine kurze Formel gebracht das Rezept der IG Metall, mit dem die Gewerkschaft Arbeitspl\u00e4tze und Besch\u00e4ftigung in&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":21047,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[32,4,11],"tags":[],"class_list":["post-21046","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-infos","category-meinung","category-regionale-wirtschaft"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/TR21_Plakat_Fruechte.jpg","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21046","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21046"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21046\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":21069,"href":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21046\/revisions\/21069"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-json\/wp\/v2\/media\/21047"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21046"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21046"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21046"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}