{"id":20316,"date":"2020-09-11T08:56:08","date_gmt":"2020-09-11T06:56:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/?p=20316"},"modified":"2020-09-10T15:06:20","modified_gmt":"2020-09-10T13:06:20","slug":"zuviel-bauchgefuehl-zu-wenige-fakten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/zuviel-bauchgefuehl-zu-wenige-fakten\/","title":{"rendered":"&#8222;Zuviel Bauchgef\u00fchl &#8211; zu wenige Fakten&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Es war eine Premiere im Haus der Siegerl\u00e4nder Wirtschaft in Siegen. Nach fast sechs Monaten Lockdown und massiven Einschr\u00e4nkungen durch die Corona-Pandemie, hatten <a href=\"https:\/\/www.ihk-siegen.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">IHK Siegen<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.arbeitgeberverbaende.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Unternehmerschaft Siegen-Wittgenstein<\/a> im vergangenen Monat zu einer ersten gr\u00f6\u00dferen Vortragsveranstaltung eingeladen, an der allerdings lediglich 80 Zuh\u00f6rerinnen und Zuh\u00f6rer, verteilt auf mehrere R\u00e4ume, teilnehmen durften. Deshalb wurde der Vortrag von Professor Michael H\u00fcther, dem Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in K\u00f6ln, auch von der tco-event GmbH per Livestream ins Internet \u00fcbertragen. Und das hat sehr gut funktioniert.<\/p>\n<div id=\"attachment_20318\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Bild2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-20318\" class=\"size-medium wp-image-20318\" src=\"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Bild2-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Bild2-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Bild2-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Bild2.jpg 777w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-20318\" class=\"wp-caption-text\">IHK-Pr\u00e4sident Felix G. Hensel (links) und J\u00f6rg Dienenthal (rechts), Vorsitzender der Unternehmerschaft Siegen-Wittgenstein, begr\u00fc\u00dften Professor H\u00fcther in Siegen.<\/p><\/div>\n<p>\u201eDie R\u00fcckkehr des Staates \u2013 Wirtschaftspolitik in Zeiten von Corona\u201c, so lautete das Thema, mit dem sich Professor H\u00fcther gut eine Stunde intensiv befasste. \u201eWir haben aus der Krise bis heute viel gelernt. Beispielsweise ist das Bruttoinlandsprodukt nicht so stark eingebrochen, wie wir das zu Beginn der Krise be\u00adf\u00fcrchtet haben.\u201c Dennoch sei es richtig gewesen, dass der Staat mit seinen au\u00dferordentlich gro\u00dfen Hilfsprogrammen versucht habe, die Wirtschaft zu st\u00fctzen. \u201eDas ist ja schlie\u00dflich auch seine Aufgabe\u201c, so Professor H\u00fcther weiter. Die Krise zieht sich durch alle Branchen. Besonders schwierig sei die aktuelle Lage beispielsweise bei den Zulieferbetrieben der Automobilindustrie. \u201eDurch die Corona-Krise wurden bereits vorher bestehende Probleme deutlich.\u201c Durch den massiven R\u00fcckgang beim privaten Verbrauch seien aber auch der Handel und die Dienstleistungsbranche von der Krise besonders betroffen.<\/p>\n<p>\u201eDass der Staat so massiv mit einem viele Milliarden Euro schweren Konjunkturprogramm eingreifen konnte, liegt auch daran, dass die Steuereinnahmen in den letzten zehn Jahren seit der Finanzkrise 2008\/2009 kr\u00e4ftig angestiegen sind und die Schuldenquote um 20 Punkte von 80 auf 60 Prozent des BIP verringert werden konnte.\u201c Ur\u00ads\u00e4chlich daf\u00fcr war aus Sicht des IW-Direktors die deutliche Zunahme der Besch\u00e4ftigung. \u201eWir lagen mit der Erwerbsquote vor der Pandemie zuletzt bei 80 Prozent. Das ist ein sehr hoher Wert, den weder wir noch unsere OECD-Partner bisher jemals erreicht haben.\u201c<\/p>\n<p>Die \u201egoldene Dekade\u201c, wie Professor H\u00fcther die Zeit nach der Finanzkrise bezeichnete, habe f\u00fcr den Staat eine solide Ausgangsbasis geschaffen, um in der aktuellen Krise aktiv zu werden. Allerdings k\u00f6nne man davon ausgehen, dass eine vergleichbare Konsolidierung der Staatsfinanzen nach Corona nicht zu erwarten sei. \u201eWir werden die Be\u00adsch\u00e4ftigungsquote nicht weiter steigern k\u00f6nnen. Deshalb wird es l\u00e4nger dauern, die jetzige krisenbedingte Neuverschuldung wieder zur\u00fcckzu-f\u00fchren.\u201c<\/p>\n<p>Auch wenn Professor H\u00fcther das Eingreifen des Staates als notwendig und sinnvoll bezeichnete, so machte er doch auch deutlich, dass diese Ma\u00dfnahmen zeitlich befristet bleiben und nach der Krise wieder zur\u00fcckgef\u00fchrt werden m\u00fcssten. Die eigentliche Aufgabe des Staates sei ja die Bereitstellung einer leistungsf\u00e4higen Infrastruktur. Und da gebe es nach wie vor noch ge\u00adnug zu tun. \u201eWenn die Corona-Krise vorbei ist, muss sich der normale Strukturwandel fortsetzen. Nur so kann die Industrie auch weiterhin international wettbewerbsf\u00e4hig bleiben. Eingriffe des Staates, und sei es als Beteiligung bei mittelst\u00e4ndischen Unternehmen, schaden da nur\u201c, ist Professor H\u00fcther \u00fcberzeugt.<br \/>\n\u201eWas durch die Corona-Krise und ihre Folgen ebenfalls ausgel\u00f6st wurde, ist ein politischer Pragmatismus, den wir bislang so noch nicht gekannt haben\u201c, unterstrich Professor H\u00fcther. Das gelte f\u00fcr Deutschland, aber auch f\u00fcr die Europ\u00e4ische Union. Das Hilfspaket, das von der EU aufgelegt worden sei, sei ja nichts anderes, als die fr\u00fcher so kritisierten Eurobonds. Die Entscheidung daf\u00fcr sei richtig gewesen, denn Europa befinde sich in einer globalen Konfliktlage, die vor allem von den USA und China befeuert w\u00fcrde, und mit der man nur ge-schlossen umgehen k\u00f6nne. \u201eDas geht nur in und mit Europa\u201c.<\/p>\n<p>Welche Trends werden nach der Krise nachwirken? Auch darauf ging Professor H\u00fcther in seinem Vortrag ein. Man werde auch weiterhin mit dem jetzigen niedrigen Zinsniveau leben m\u00fcssen. \u201eDa werden wir nicht mehr herauskommen. Daf\u00fcr steht viel zu viel Kapital zur Verf\u00fcgung.\u201c Die Digitalisierung sei weiterhin ein zentrales Thema f\u00fcr die Wirtschaft, aber auch f\u00fcr die Ge\u00adsellschaft. Das gelte insbesondere f\u00fcr das Bildungssystem. \u201eIch kann nicht nachvollziehen, warum die Kommunen und die Bildungseinrichtungen die Zeit nach dem Lockdown im M\u00e4rz nicht ge\u00adnutzt haben, um ihre Infrastruktur so auszubauen, dass digitaler Unterricht m\u00f6glich ist.\u201c Auch die Dekarbonisierung, der Umstieg auf eine kohlenstoff\u00e4rmere Wirtschaft, sei eine der gro\u00dfen Zukunftsherausforderungen. Vor diesem Hintergrund \u00e4u\u00dferte Professor H\u00fcther die Hoffnung, dass die zuk\u00fcnftigen Entscheidungen der politisch Verantwortlichen wieder mehr auf der Grundlage von Fakten ge\u00adtroffen werden und nicht wie bisher zu h\u00e4ufig aus dem Bauchgef\u00fchl heraus.<\/p>\n<p>Felix G. Hensel, Pr\u00e4sident der Industrie- und Handelskammer Siegen, hatte den Referenten und die erschienenen G\u00e4ste, ebenso wie die Zu\u00adseher und Zuh\u00f6rer des Livestreams, zu Beginn der Veranstaltung begr\u00fc\u00dft. \u201eIch freue mich, dass wir endlich wieder eine solche Vortragsveranstaltung durchf\u00fchren k\u00f6nnen, wenn auch noch mit gewissen Einschr\u00e4nkungen.\u201c Die Auswirkungen der Corona-Krise seien noch allerorts zu sp\u00fcren. Besonders gravierend seien sie f\u00fcr die Wirtschaft. Es werde lange dauern, die Folgen zu verarbeiten.<\/p>\n<p>Im Lauf der sich an den Vortrag anschlie\u00dfenden Diskussion wurde deutlich, dass viele Unternehmer skeptisch sind, ob die deutsche Politik und B\u00fcrokratie schnell genug und angemessen auf die Herausforderungen durch Energiewende, Demografie und Digitalisierung reagieren k\u00f6nnen. J\u00f6rg Dienenthal, Vorsitzender der Unternehmerschaft Siegen-Wittgenstein, griff dies in seinem Schlusswort noch einmal auf und betonte, dass sich der Staat nach der Krise wieder auf seine eigenen Aufgaben konzentrieren m\u00fcsse, denn er sei ein schlechter Unternehmer.<\/p>\n<p>Bilder und Info: \u00a0<a href=\"https:\/\/www.ihk-siegen.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">IHK Siegen<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.arbeitgeberverbaende.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Unternehmerschaft Siegen-Wittgenstein<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war eine Premiere im Haus der Siegerl\u00e4nder Wirtschaft in Siegen. 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