{"id":19648,"date":"2020-07-29T10:53:54","date_gmt":"2020-07-29T08:53:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/?p=19648"},"modified":"2020-07-29T16:28:53","modified_gmt":"2020-07-29T14:28:53","slug":"virtuelle-realitaet-im-op-saal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/virtuelle-realitaet-im-op-saal\/","title":{"rendered":"Virtuelle Realit\u00e4t im OP-Saal"},"content":{"rendered":"<p>Das Innerste des menschlichen K\u00f6rpers bis ins kleinste Detail betrachten: Das ist jetzt im Diakonie Klinikum Jung-Stilling dank sogenannter Augmented-Reality-Brillen m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Das Chefarztb\u00fcro von Professor Dr. Veit Braun. Schreibtisch. Regale. Arbeitsmaterial. Mitten im Raum stehen zwei Mediziner. Sie gestikulieren, beraten, zeigen in die Luft. Was der Betrachter nicht sehen kann, wird dank modernster Technik vor den Augen der \u00c4rzte sichtbar. Professor Dr. Braun und sein Kollege tragen so genannte AR-Brillen. Ger\u00e4tschaften, wie sie normalerweise von PC-Gamern benutzt werden. Nun h\u00e4lt die Technik Einzug in der Medizin. Zwei Standorte machten den weltweiten Anfang: Die Universit\u00e4t Oxford \u2013 und das Diakonie Klinikum Jung-Stilling in Siegen.<\/p>\n<p>Gef\u00fcttert mit MRT- oder CT-Aufnahmen lassen diese Brillen eine neue medizinische Dimension zu. Aufgesetzt und angeschaltet schwebt pl\u00f6tzlich direkt vor dem Betrachter etwa das Gehirn eines Patienten, \u00fcberdimensional gro\u00df, mit allen Adern, Strukturen und Ver\u00e4nderungen. Professor Dr. Braun und sein Kollege k\u00f6nnen nun etwa sehen, wo ein Tumor sitzt \u2013 und eine Operation bis ins kleinste Detail vorab planen. Das Gehirn wird von den Medizinern per Game Controller ganz einfach in der Luft gedreht oder auch aus Winkeln betrachtet, die die herk\u00f6mmlichen 2-D-Aufnahmen gar nicht leisten k\u00f6nnen. Denn: \u201ein der Schwebe\u201c ist es auch m\u00f6glich, quasi durch das Gehirn hindurch zu schreiten.<\/p>\n<p>Lesen, bl\u00e4ttern, B\u00fccher w\u00e4lzen: Als der heutige Neurochirurgie-Chefarzt am Diakonie Klinikum Jung-Stilling vor mehr als vier Jahrzenten seine Ausbildung begann, geh\u00f6rten Fachlexika und die Werke gro\u00dfer Mediziner auf seinen Schreibtisch. Die Literatur ist auch heute noch in seinem B\u00fcro zu finden. Doch hier an der Siegener Wichernstra\u00dfe schreitet die Arbeit der medizinischen Experten in einer neuen Dimension voran. \u201eDas hier ist Mega-Hightech\u201c, sagt Veit Braun \u2013 und holt seine neueste Errungenschaft hervor. \u201eAugmented Reality (AR)\u201c: Dies ist das Stichwort. Die Brille l\u00e4sst den Blick in das Innere des menschlichen K\u00f6rpers zu, stellt feinste \u00c4derchen, Knochen und Gewebe dar und macht es m\u00f6glich, Operationen zu planen, bevor der Patient narkotisiert auf dem Untersuchungstisch liegt.<\/p>\n<p>Braun hat Facharzt-Titel in Neurochirurgie und Intensivmedizin und besitzt die Fachkunden f\u00fcr die gesamte Bildgebung in der Neurochirurgie (MRT, CT, Angiographie). Seit Beginn seiner \u00e4rztlichen T\u00e4tigkeit ist er auch in der Forschung t\u00e4tig. Die AR-Brillen des Weltmarktf\u00fchrers (Firma Brainlab, M\u00fcnchen), wie sie jetzt am Diakonie Klinikum zur Verf\u00fcgung stehen, sind die j\u00fcngste Errungenschaft, zu der er mit den Grundstein gelegt hat. 2001 wurde durch den Freistaat Bayern ein Projekt zur Implementierung multimodaler Bilddaten in die Neuronavigation in Zusammenarbeit mit der Neurochirurgie der Universit\u00e4t Ulm und Brainlab mit \u00fcber 600 000 Euro gef\u00f6rdert. Veit Braun wurde f\u00fcr diese Arbeit dann auch mit Multimediapreis Digiglobe in der Kategorie Wissenschaft durch die damalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt in Berlin ausgezeichnet.<\/p>\n<p>80 000 Euro kostet die jetzige Innovation, die am \u201eStilling\u201c schon von einigen Chirurgen, auch anderer Fachbereiche, eingesetzt wurde. Einer von ihnen ist Coordt-Alexander B\u00fcddicker, Oberarzt der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am \u201eStilling\u201c. Im Chefarztb\u00fcro planten er und Braun die Entfernung eines Unterkiefer-Tumors. \u201eDiese Stelle ist kompliziert\u201c, so B\u00fcddicker. Viele Nervenbahnen laufen genau dort zusammen, wo sich die Geschwulst befindet. Viele M\u00f6glichkeiten, um dem betroffenen Patienten zu helfen, zog B\u00fcddicker in Betracht \u2013 bis er die AR-Brille aufsetzte. \u201eSchauen Sie hier, das ist einfacher\u201c, erl\u00e4uterte der Neurochirurgie-Chefarzt, neben ihm stehend mit eigener AR-Brille vor den Augen. Das Bild des Patienten wurde den Chirurgen derweil in \u00dcberlebensgr\u00f6\u00dfe in den Raum projiziert \u2013 und das so genau, dass man sogar die Ohrl\u00f6cher, Kopfform und Gesichtsz\u00fcge des Patienten erkennen kann.<\/p>\n<p>Erzeugt werden die Daten, die die Brille \u00fcbermittelt, durch radiologische Aufnahmen, die im Vorfeld aufgenommen werden. Veit Braun wandelt diese dann in f\u00fcr ihn passende Datens\u00e4tze um, liest sie aus und \u00fcbertr\u00e4gt sie in die Hightech-Brille.<\/p>\n<p>Virtuelle Realit\u00e4ten sind bislang vor allem aus der Computerspiel-Industrie bekannt. Die Augmented-Reality \u2013 zu Deutsch: \u201eerg\u00e4nzte Realit\u00e4t\u201c \u2013 ist eine weiterentwickelte Form. Denn: Die Brillen kommen nicht nur in der Planung medizinischer Eingriffe zum Einsatz, die Technik nutzen die Chirurgen auch im OP-Saal. Hier ersetzt das OP-Mikroskop die Brille. Dem Operateur werden alle wichtigen Daten des Patienten in sein Sichtfeld \u201eeingespielt\u201c \u2013 inklusive weiterf\u00fchrender Informationen, die er vorab hinterlegt hat.<\/p>\n<p>\u201eDies wird die Mediziner-Ausbildung vereinfachen\u201c, ist Professor Braun \u00fcberzeugt. Virtuell, schnell und immer auf dem neuesten Stand k\u00f6nnte der Nachwuchs so geschult werden \u2013 und das auch irgendwann ganz ohne H\u00f6rsaal. Die Brillen sind schlie\u00dflich \u00fcberall einsetzbar. Die AR-Technik ist indes nicht neu. Als erstes mit ihr ausgestattet wurden etwa Kampfjets in den 1970er-Jahren. So mussten die Piloten ihren Blick nicht mehr senken, um relevante Flugdaten zu erfassen.<\/p>\n<p>\u201eDas ist Wahnsinn\u201c, urteilt auch der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg Coordt-Alexander B\u00fcddicker, nachdem er die AR-Brille wieder abgesetzt hat. \u00dcberraschungen f\u00fcr den Chirurgen gebe es nun keine mehr. \u201eDas macht es den Patienten auch leichter, uns zu vertrauen\u201c, sagt Veit Braun. Gerade bei Tumoren im Gesicht oder Gehirn sei die Angst der Patienten gro\u00df. Deshalb erm\u00f6glicht es der Chefarzt auch, dass der Patient beim Vorgespr\u00e4ch einen Blick durch die AR-Brille werfen darf \u2013 und erkl\u00e4rt die geplante Vorgehensweise der Mediziner beim Eingriff.<\/p>\n<p>Neue Techniken werden in der Medizin rasant weiterentwickelt, davon ist Veit Braun \u00fcberzeugt. \u201eGerade in der Lehre und Forschung hat sich, auch Corona-bedingt, gezeigt, dass es einen Aufschwung digitaler L\u00f6sungen braucht. In zehn Jahren, so der Chefarzt, wird auch die AR-Brille zum \u201ealten Eisen\u201c geh\u00f6ren. Dann wird sie durch entsprechende Kontaktlinsen ersetzt werden.<\/p>\n<p>Text und Foto: <a href=\"https:\/\/www.diakonie-sw.de\/start-diakonie-in-suedwestfalen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Diakonie in S\u00fcdwestfalen gGmbH<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Innerste des menschlichen K\u00f6rpers bis ins kleinste Detail betrachten: Das ist jetzt im Diakonie Klinikum Jung-Stilling dank sogenannter Augmented-Reality-Brillen m\u00f6glich. 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