{"id":15355,"date":"2019-08-22T08:21:29","date_gmt":"2019-08-22T06:21:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/?p=15355"},"modified":"2019-08-21T12:28:43","modified_gmt":"2019-08-21T10:28:43","slug":"ein-digitales-schulbuch-fuer-den-wirtschafts-unterricht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/ein-digitales-schulbuch-fuer-den-wirtschafts-unterricht\/","title":{"rendered":"Ein digitales Schulbuch f\u00fcr den Wirtschafts-Unterricht"},"content":{"rendered":"<p>Carlotta ist 15 Jahre alt und Pr\u00e4sidentin des Arbeitgeberverbands der Gro\u00dfb\u00e4ckereien in Deutschland \u2013 zumindest virtuell f\u00fcr einen Tag. Die Sch\u00fclerin simuliert in ihrer Klasse eine Tarifverhandlung. Sie und ihre Mitsch\u00fclerInnen sind in drei Gruppen aufgeteilt: in die Gewerkschaft, den Arbeitgeberverband der Gro\u00dfb\u00e4ckereien und den Zentralverband des Deutschen Handwerks. Das besondere an der Simulation: Sie findet digital statt. Jeder Sch\u00fcler und jede Sch\u00fclerin h\u00e4lt ein Tablet in der Hand. Die Ger\u00e4te sind mit dem Schul-WLAN verbunden und untereinander verkn\u00fcpft. \u201eEs ist ein riesiger Unterschied, ob man 0,25 Prozent oder f\u00fcnf Prozent mehr Gehalt fordert. Das Ausma\u00df der Konsequenzen wird den Sch\u00fclern aber oft erst klar, wenn sie die Unternehmensdaten beobachten k\u00f6nnen\u201c, sagt Dr. Michael Schuhen. Er arbeitet und forscht am Zentrum f\u00fcr \u00f6konomische Bildung (Z\u00f6BiS) der Universit\u00e4t Siegen. Auf dem Display kann Carlotta in Tabellenansicht direkt nachvollziehen, was sich unter welchen Umst\u00e4nden wie \u00e4ndert: Wenn sie den Lohn f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten erh\u00f6ht, m\u00fcssen die Br\u00f6tchenpreise steigen. Dadurch sinkt aber die Nachfrage. Unter welchen Bedingungen kann sie auf die Forderungen der Gewerkschaft eingehen, ohne einen Gewinneinbruch zu erleiden?<\/p>\n<p>Das Rollenspiel ist Teil eines digitalen Wirtschafts-Schulbuchs namens \u201eEcon EBook\u201c, das Dr. Michael Schuhen mit seinem Kollegen Manuel Froitzheim entwickelt hat. Es bildet den vorgeschriebenen Lehrplan in NRW ab. Anders als bei traditionellen Schulb\u00fcchern setzt Schuhen aber nicht mehr auf Frontalunterricht. Im Vordergrund stehen Experimente, \u00f6konomische Szenarien und der Reflexionsprozess. \u201eEs geht hier nicht darum, Schulb\u00fccher zu digitalisieren, zum Beispiel als pdf-Datei zum Scrollen. Das konnte man schon in den 90er-Jahren umsetzen\u201c, stellt Schuhen klar. Vielmehr wollen die Forscher neue Formen des Lehrens und Lernens schaffen. \u201eWir wollen, dass die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler Wirtschaftsprozesse erleben und nutzen deshalb viele Simulationen und Rollenspiele, um Lerninhalte zu vermitteln\u201c, so Manuel Froitzheim.<\/p>\n<div id=\"attachment_15357\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/1Schuhen_Froitzheim_medien.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-15357\" class=\"wp-image-15357 size-medium\" src=\"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/1Schuhen_Froitzheim_medien-300x205.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"205\" srcset=\"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/1Schuhen_Froitzheim_medien-300x205.jpg 300w, https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/1Schuhen_Froitzheim_medien-768x524.jpg 768w, https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/1Schuhen_Froitzheim_medien.jpg 777w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-15357\" class=\"wp-caption-text\">Dr. Michael Schuhen und Manuel Froitzheim.<\/p><\/div>\n<p>Fr\u00fcher \u2013 und teilweise noch heute \u2013 mussten LehrerInnen f\u00fcr Rollenspiele Material ausdrucken, K\u00e4rtchen ausschneiden und austeilen. Nach einem Durchgang mussten die K\u00e4rtchen neu sortiert werden. \u201eWir wollen durch die Digitalisierung die LehrerInnen nicht nur im Unterricht, sondern auch in der Vor- und Nachbereitung unterst\u00fctzen\u201c, erkl\u00e4rt Schuhen. Durch die Tablet-Version des Rollenspiels k\u00f6nnen die LehrerInnen digital den Sch\u00fclerInnen Rollen zuteilen. Dadurch gewinnen sie Zeit. Gleiches gilt f\u00fcr die Hausaufgabenkontrolle: Die LehrerInnen sehen, welche Sch\u00fclerInnen die Hausaufgaben nicht gemacht haben. Im analogen Unterricht verbringen LehrerInnen oft f\u00fcnf Minuten damit, zu kontrollieren, wer die Hausaufgaben bearbeitet hat und ob es typische Fehler gab. Diese Zeit kann jetzt anders genutzt werden, zum Beispiel f\u00fcr Reflexion und Diskussionen. \u201eH\u00e4ufig verfestigt sich Wissen erst, wenn man reflektiert \u00fcber ein Thema spricht. Umso wichtiger ist es, daf\u00fcr gen\u00fcgend Zeit zu haben\u201c, erkl\u00e4rt Schuhen. \u201eUnd auch die Hausaufgaben lassen sich nun gezielt besprechen\u201c, so Manuel Froitzheim, \u201eda diese vielfach bereits vorausgewertet werden k\u00f6nnen und der Lehrer so auf einen Blick h\u00e4ufige Bearbeitungsfehler seiner Sch\u00fcler erkennt.\u201c<\/p>\n<p>Einige haben Bedenken, dass durch die Digitalisierung die LehrerInnen in den Hintergrund r\u00fccken, sagen die Wissenschaftler. Das sei aber ganz und gar nicht ihre Herangehensweise. \u201eDer Lehrer steht immer im Zentrum des Unterrichtsgeschehens.\u201c Es sei ein Trugschluss, dass die Sch\u00fclerInnen nur noch vor ihrem Tablet sitzen. Die Ger\u00e4te w\u00fcrden eingesetzt, wenn sie einen Mehrwert bringen, sonst nicht.<\/p>\n<p>Wer den digitalen Schritt wagt, wird mit vielen Vorteilen belohnt: GPS und Echtzeitanzeigen sind zwei davon. Durch GPS kann das digitale Schulbuch dem Ort der Schule zugeordnet werden. Wenn im Unterricht zum Beispiel das Thema Oligopol besprochen wird, k\u00f6nnen die Sch\u00fclerInnen die Tankstellenpreise in der Region in Echtzeit beobachten und diskutieren, um welche Marktform es sich in der Branche handelt.<\/p>\n<p>Durch die digitale Unterrichtsl\u00f6sung k\u00f6nnen die LehrerInnen au\u00dferdem spielerische Tests im Quizformat durchf\u00fchren. Wenn sie dabei merken, dass 80 Prozent der Sch\u00fclerInnen ein und dieselbe Aufgabe falsch gel\u00f6st haben, wissen die LehrerInnen: Das Thema sollte im Unterricht noch einmal besprochen werden. Im analogen Unterricht w\u00fcrde so etwas erst nach einer Klausur offensichtlich werden \u2013 zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Etwa 3.000 NutzerInnen \u2013 darunter LehrerInnen, Sch\u00fclerInnen und Studierende \u2013 begleiten Michael Schuhen und sein Wissenschaftlicher Mitarbeiter Manuel Froitzheim f\u00fcr den voll digitalisierten Unterricht vor allem in NRW, Hessen und Rheinland-Pfalz: Dazu z\u00e4hlen Vorbereitung, Durchf\u00fchrung und Nachbereitung. Am Anfang \u2013 im Jahr 2015 \u2013 sa\u00dfen sie \u00fcber Wochen im Unterricht, f\u00fcr den Fall, dass Probleme auftreten. Mittlerweile f\u00fchren viele LehrerInnen den Unterricht selbstst\u00e4ndig durch.<\/p>\n<p>Digitale Bildung kann T\u00fccken haben \u2013 das wei\u00df Schuhen. Er wei\u00df auch, dass es wichtig ist, die m\u00f6glichen Probleme zu thematisieren, weil erst dadurch die Akzeptanz f\u00fcr die Digitalisierung entstehen kann. Funktioniert mein digitaler Unterricht \u00fcberhaupt mit dem WLAN meiner Schule? Und was mache ich, wenn es pl\u00f6tzlich ausf\u00e4llt? \u201eKeiner bereitet sich doppelt vor f\u00fcr den Fall der F\u00e4lle, dass das WLAN doch mal hakt. Das hei\u00dft: Die Lehrer m\u00fcssen entweder drauf eingestellt sein, im Notfall zu improvisieren oder das technische Problem l\u00f6sen zu k\u00f6nnen\u201c, sagt Schuhen.<\/p>\n<p>Generell fordert er, ausgebildete InformatikerInnen mehr mit LehrerInnen und FachdidaktikerInnen zusammenzubringen. \u201eMomentan m\u00fcssen wir in den Schulen erstmal Laptops und Tablets ans Laufen bringen\u201c, sagt der Wissenschaftler. An der Situation werde sich aber dank des DigitalPakts Schule sehr bald etwas \u00e4ndern. Mit dem DigitalPakt Schule wollen Bund und L\u00e4nder f\u00fcr eine bessere Ausstattung der Schulen mit digitaler Technik sorgen. Insgesamt stehen f\u00fcnf Milliarden Euro \u00fcber f\u00fcnf Jahre zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Bilder und Text: <a href=\"http:\/\/www.uni-siegen.de\/start\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Universit\u00e4t Siegen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Carlotta ist 15 Jahre alt und Pr\u00e4sidentin des Arbeitgeberverbands der Gro\u00dfb\u00e4ckereien in Deutschland \u2013 zumindest virtuell f\u00fcr einen Tag. 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