{"id":12197,"date":"2018-12-27T16:04:51","date_gmt":"2018-12-27T15:04:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/?p=12197"},"modified":"2018-12-29T14:03:35","modified_gmt":"2018-12-29T13:03:35","slug":"vorlesungsraum-wird-zum-tatort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/vorlesungsraum-wird-zum-tatort\/","title":{"rendered":"Vorlesungsraum wird zum Tatort"},"content":{"rendered":"<p class=\"ox-be6df888e5-Flietext\">Der bekannte Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke war f\u00fcr ein Modul des neuen Medizin-Campus Bonn-Siegen an der Uni Siegen zu Gast. Neben weiteren f\u00fcnf DozentInnen arbeitete Benecke t\u00e4glich sechs Stunden theoretisch und praktisch mit den Studierenden.<\/p>\n<p class=\"ox-be6df888e5-MsoNormal\">Blutspritzer auf dem Boden, Aufkleber mit Ma\u00dfeinheiten daneben \u2013 der Vorlesungsraum gleicht einem Tatort. Die Aufgabe ist leicht erkl\u00e4rt: In welcher K\u00f6rperposition und an welcher Stelle befand sich das Opfer, als diese Blutspritzer verursacht wurden? 30 Augenpaare verschaffen sich einen ersten Eindruck, fokussieren die Blutspuren, um diese n\u00e4her zu untersuchen. Bunte F\u00e4den und errechnete Winkel helfen den Fall zu kl\u00e4ren. Das erste Modul des neuen Medizin-Campus Bonn-Siegen hat es in sich: F\u00fcnf Tage lang besch\u00e4ftigten sich die angehenden Medizinerinnen und Mediziner sowie Studierende medizinnaher Fachrichtungen mit dem Thema Rechtsmedizin und Medizinrecht. Insgesamt sechs Dozentinnen und Dozenten stellten ihre Spezialthemen in Theorie oder Praxis vor, allen voran der bekannte Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke und sein Team. Die 30 TeilnehmerInnen des Moduls kamen dabei nicht nur aus Siegen, sondern auch aus Rotterdam, Marburg oder Ulm, um diese Zusatzqualifikation zu erlangen.<\/p>\n<p class=\"ox-be6df888e5-MsoNormal\">\u201eWir m\u00f6chten mit den neuen Modulen der Nano-Zertifikate den Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen Blick \u00fcber den Tellerrand und den Austausch mit Expertinnen und Experten anderer oder verwandter Fachrichtungen erm\u00f6glichen. Es sind derzeit sechs Module zu unterschiedlichen Fachthemen geplant, f\u00fcr die wir renommierte Dozentinnen und Dozenten nach Siegen holen. Die Block-Seminare leben von einer hohen Praxisorientierung und einer exzellenten und individuellen Betreuung in kleinen Gruppen\u201c, erkl\u00e4rte Prof. Veit Braun, Studiendekan Gesundheitswissenschaften der Lebenswissenschaftlichen Fakult\u00e4t (LWF) der Universit\u00e4t Siegen.<\/p>\n<p class=\"ox-be6df888e5-MsoNormal\">Bereits zum Einstieg in die Woche wurden die Teilnehmenden mit medizinrechtlichen Themen konfrontiert. Joachim L\u00fcblinghoff, Vorsitzender des 26. Zivilsenats am Oberlandesgericht Hamm, und die Medizinrechtlerin Sabrina Diehl sensibilisierten f\u00fcr die hohe Verantwortung in medizinischen Berufen. \u201eIch denke es ist wichtig, dass sich die Studierenden schon w\u00e4hrend ihrer Ausbildung mit den Konsequenzen ihres Tuns besch\u00e4ftigen\u201c, sagte Joachim L\u00fcblinghoff. Medizinrechtlerin Sabrina Diehl vertritt Patienten im Fall von Behandlungsfehlern. Sie wei\u00df, wie wichtig der ausf\u00fchrliche Austausch zwischen \u00c4rztInnen und PatientInnen ist. \u201e\u00c4rzte m\u00fcssen nat\u00fcrlich t\u00e4glich schnell Entscheidungen treffen, sollten aber auch besonnen \u00fcberlegen, was zu tun ist und dies mit dem Patienten detailliert besprechen. Denn jedes Handeln kann Konsequenzen f\u00fcr den Patienten und dann auch f\u00fcr den behandelnden Arzt haben. Arzt-Patienten-Gespr\u00e4che finden scheinbar immer seltener statt\u201c, wei\u00df Diehl aus ihren Erfahrungen zu berichten.<\/p>\n<p class=\"ox-be6df888e5-MsoNormal\">Um diese Konsequenzen einmal selbst zu erfahren, wurde in dem Modul eine Gerichtsverhandlung nachgestellt, die einen \u201eechten\u201c Fall zum Gegenstand hatte. Zwei Seminarteilnehmer und eine niederl\u00e4ndische Seminarteilnehmerin nahmen die Rolle medizinischer Gutachter ein und mussten Rede und Antwort stehen. \u201eDas ist ein Erlebnis, dass man nicht vergisst. Es ist sehr wertvoll diese Erfahrung in einem gesch\u00fctzten Raum machen zu d\u00fcrfen\u201c, sagte die niederl\u00e4ndische Studentin Lizzy Munnik im Anschluss.<\/p>\n<p class=\"ox-be6df888e5-MsoNormal\">Patientensicherheit steht ganz oben auf der Priorit\u00e4tenliste. Deshalb war es f\u00fcr Prof. Veit Braun naheliegend, einen Spezialisten einzuladen, der erstaunliche Parallelen aus der Luftfahrt auf die Medizin \u00fcbertragen konnte. Konzentriert und gespannt folgten die Studierenden dem Vortrag von Frank Dunz. Der Flugkapit\u00e4n in einem gro\u00dfen deutschen Luftfahrtunternehmen referierte \u00fcber Risiken, Priorit\u00e4ten und Sicherheitsmechanismen in der Luftfahrt. \u201eSo wie Passagiere eines Verkehrsflugzeuges h\u00f6chste Sicherheit w\u00e4hrend ihres Fluges erwarten, verlassen Patienten sich darauf, dass sie im Krankenhaus eine gute und komplikationsfreie Behandlung erfahren. Sie erwarten, dass die Patientensicherheit f\u00fcr alle Beteiligten die h\u00f6chste Priorit\u00e4t hat. Jedoch ist kein Flug und keine Behandlung frei von Risiken. In risikobehafteten Arbeitsumgebungen wie in der Luft- und Raumfahrt, in Kernkraftwerken und in OP-S\u00e4len, sind Arbeitsbelastung, Entscheidungsfindung unter hohem Zeitdruck, Ablenkung, M\u00fcdigkeit durch Schichteins\u00e4tze und wirtschaftlicher Druck systemimmanent. Wenn weitere Variablen wie Konflikte im Team, Kommunikations- und Hierarchieprobleme hinzukommen, erh\u00f6ht sich die Fehlerwahrscheinlichkeit\u201c, so Frank Dunz. Durch die gemeinsame Analyse der Flugzeugkatastrophe im Jahre 2002 in \u00dcberlingen, verdeutlichte Dunz den TeilnehmerInnen, wie wichtig der richtige Umgang mit Fehlern und Verfahrensabweichungen ist, damit Gefahren rechtzeitig erkannt und gebannt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"ox-be6df888e5-MsoNormal\">Um ein Fehlerbewusstsein auf moralischer Ebene warb Prof. Dr. Hartmut Collmann. Collmann war viele Jahre Kinderneurochirurg in W\u00fcrzburg und hat sich intensiv mit der Vergangenheit der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Neurochirurgie und damit auch mit der Medizin w\u00e4hrend des dritten Reichs besch\u00e4ftigt. Er f\u00fchrte den jungen angehenden KollegInnen mit bewegenden Beispielen aus dieser Zeit vor Augen, dass medizinische Arbeit nicht vorurteilsfrei sein kann. Denn jeder Mensch habe W\u00fcnsche und \u00c4ngste, die das eigene Verhalten beeinflussen. Es sei eine Frage von Berufsethos und Moral wie weit man gehe, um das eigene Karriereziel zu erreichen. \u201eIch muss mich immer wieder auch selbst kritisch hinterfragen ohne dabei das Selbstvertrauen in die eigene Leistungsf\u00e4higkeit zu verlieren\u201c, r\u00e4t er seinen jungen Kollegen.<\/p>\n<p class=\"ox-be6df888e5-MsoNormal\">Den inhaltlichen Schwerpunkt des Seminars gestaltete jedoch der Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke mit seinem Team. Sein Ziel: Den Studierenden vermitteln, warum es so wichtig ist, an Tatorten oder auch in der Klinik, Spuren und Details z. B. mithilfe von Fotos gut zu sichern und damit die Basis f\u00fcr die Aufkl\u00e4rung von mutma\u00dflichen Gewaltverbrechen zu legen. Aber nicht alle Indizien und Spuren weisen auf einen au\u00dfergew\u00f6hnlichen Tathergang hin, erkl\u00e4rte Benecke. Manchmal seien sie auch ganz banal zu erkl\u00e4ren. Verletzungen, die wie Foltermale aussehen, k\u00f6nnten beispielsweise durch Insekten am Leichenfundort verursacht worden sein. \u201eIch m\u00f6chte den Teilnehmern ein Gesp\u00fcr daf\u00fcr geben was man macht, wenn man ganz fr\u00fch am Tatort ankommt, was mit Spuren passiert, wenn jemand zum Beispiel in der Notaufnahme gewaschen wird oder wie stark sich Spuren ver\u00e4ndern, weil sich der K\u00f6rper nicht mehr am Fundort befindet\u201c, erkl\u00e4rte Benecke. Die Gruppe sei sehr \u201eauf Zack\u201c lobte Benecke und das Training auf englisch durchzuf\u00fchren und mit internationalen Teilnehmern zu arbeiten, habe ihm besonders viel Spa\u00df gemacht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der bekannte Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke war f\u00fcr ein Modul des neuen Medizin-Campus Bonn-Siegen an der Uni Siegen zu Gast. 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