{"id":10746,"date":"2018-09-10T12:31:02","date_gmt":"2018-09-10T10:31:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/?p=10746"},"modified":"2018-09-10T12:31:02","modified_gmt":"2018-09-10T10:31:02","slug":"wenn-pendeln-ploetzlich-gluecklich-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vdsm.net\/wronline\/wenn-pendeln-ploetzlich-gluecklich-macht\/","title":{"rendered":"Wenn Pendeln pl\u00f6tzlich gl\u00fccklich macht"},"content":{"rendered":"<p>Eine Cabrio-Fahrerin f\u00e4hrt dem Sonnenuntergang entgegen, Wind weht durch ihre Haare. Solche Szenen sehen wir in Werbefilmen f\u00fcr Autos, mit der Wirklichkeit haben sie aber wenig zu tun. In dieser spielen hupende LKW, kilometerlange Staus auf der Autobahn oder Baustellen eine Rolle. \u201eDer Alltag deutscher Autofahrer ist das Pendeln, nicht die wilde Abenteuer-Fahrt an der K\u00fcste\u201c, sagt Professor Dr. Marc Hassenzahl, Professor f\u00fcr \u201eUbiquitous Design\u201c in der Fakult\u00e4t Wirtschaftsinformatik an der Uni Siegen. Er m\u00f6chte Produkte so gestalten, dass sie die Menschen im Alltag abholen und ihr Wohlbefinden erh\u00f6hen. Dazu forscht er im Projekt \u201eDesign for Wellbeing\u201c (wohlbefindensorientierte Gestaltung).<\/p>\n<p>Fragt man Menschen, ob sie sich lieber zur Arbeit \u201ebeamen\u201c lassen w\u00fcrden, anstatt zu pendeln, stellte sich interessanterweise heraus: Viele wollten auf das Pendeln gar nicht verzichten. Hassenzahl und sein Team fragten sich also: Unter welchen Bedingungen f\u00fchlt sich das Pendeln positiv an? Ergebnis: Viele Menschen sehen das Autofahren zur Arbeit und zur\u00fcck als wichtigen Teil des Alltags an und sch\u00e4tzen die Distanz zur Arbeitsstelle. Einige br\u00e4uchten die Zeit, um vom Modus \u201eArbeitsmensch\u201c in den Modus \u201eFreizeitmensch\u201c umzuschalten. Vor allem Menschen mit kleinen Kindern s\u00e4hen das Pendeln als Zeit f\u00fcr sich selbst, um abzuschalten und herunterzukommen, bevor zuhause der Trubel weitergeht.<\/p>\n<p>Das Siegener Wissenschaftsteam entwickelte Ideen, um die Technik im Auto so zu gestalten, dass sie den Bed\u00fcrfnissen der Menschen nach Ruhe und Sicherheit entsprechen. \u201eWenn im Auto gleich das Handy klingelt und der Kollege erwartet, dass Sie an einer Telefonkonferenz teilnehmen, dann k\u00f6nnen Sie nat\u00fcrlich nicht abschalten\u201c, sagt Hassenzahl. Das Auto sollte den Fahrer bzw. die Fahrerin also vor Kommunikation sch\u00fctzen. Anrufe werden nicht durchgestellt, das Handy klingelt nicht und das Auto kommuniziert f\u00fcr den oder die FahrerIn, dass er oder sie erst sp\u00e4ter wieder erreichbar ist.<\/p>\n<p>\u201eAus technischer Sicht mag das banal und simpel klingen. Aus psychologischer Sicht ist es aber unheimlich wertvoll und komplex\u201c, erkl\u00e4rt Holger Klapperich, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Siegen. \u201eKlar k\u00f6nnte ich einfach den Flugmodus auf dem Handy einschalten, aber wer macht das schon?\u201c Bei \u201eDesign for Wellbeing\u201c gehe es darum, Menschen durch Technik und Produkte in eine Richtung zu lenken, von der sie selbst wissen, dass sie ihnen gut tut \u2013 die im Alltag aber oft zu kurz kommt. \u201eDie Konsumenten und Nutzer k\u00f6nnen dann selbst entscheiden, ob sie die neue Technik ausprobieren m\u00f6chten.\u201c Viele Autohersteller h\u00e4tten mittlerweile begriffen, dass es nicht mehr nur um Form, Material und Funktionalit\u00e4t geht, sondern darum, Erlebnisse zu schaffen und psychologische Bed\u00fcrfnisse zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>\u201eDiese Art von Design ist f\u00fcr Unternehmen nicht vorrangig aus kommerzieller Sicht interessant\u201c, sagt Hassenzahl. Ein Unternehmen, das sich auf die Ideen der Siegener Forscher einl\u00e4sst, ist die Lufthansa. Die Wissenschaftler haben gemeinsam mit ixdp. und den anderen Projektpartnern den Prototyp einer App entwickelt, um Menschen bei der Urlaubsplanung zu unterst\u00fctzen. \u201eViele Menschen wollen nicht billig von A nach B fliegen und Urlaub im All-Inclusive-Hotel machen\u201c, erkl\u00e4rt Hassenzahl. \u201eStattdessen wollen einige bewusst aus ihrer Komfortzone rauskommen und im Urlaub zu sich selbst finden. Sie wissen aber nicht unbedingt, welche Ziele sich daf\u00fcr eignen.\u201c Die App erfragt die Bed\u00fcrfnisse des Nutzers oder der Nutzerin: Aus welchem Zweck m\u00f6chten Sie in Urlaub fahren? Welche Art Erlebnisse m\u00f6chten Sie machen? Wie wichtig sind Ihnen Sicherheit oder Verbundenheit zu anderen Menschen, um gl\u00fccklich zu sein? Auf Basis dieser Antworten macht die App Vorschl\u00e4ge.<\/p>\n<p>\u201eIn diesem Fall haben wir eine Win-Win-Situation\u201c, erkl\u00e4rt Klapperich. \u201eDer Nutzer findet Urlaubsziele, auf die er vielleicht selbst nie gekommen w\u00e4re, und hat im besten Fall eine passgenaue und erf\u00fcllende Ferienzeit. Lufthansa erh\u00f6ht die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen sich f\u00fcr Fl\u00fcge mit ihrer Fluggesellschaft entscheiden.\u201c Au\u00dferdem kann die App eine weitere Funktion erf\u00fcllen: Die weltweiten Touristen-Str\u00f6me umverteilen. Die App k\u00f6nnte Orte, die von Touristen \u00fcberlaufen sind, nur sehr wenigen NutzerInnen vorschlagen. Stattdessen schl\u00e4gt sie vermehrt vergleichbare, aber weniger besuchte Orte vor, sodass dort die Wirtschaft und die Menschen vom Tourismus profitieren.<\/p>\n<p>Wie die Ideen der Siegener Forscher bei den KonsumentInnen im Alltag ankommen, und welche Erfahrungen die kooperierenden Unternehmen gemacht haben, erfahren Interessierte bei der Abschlusstagung des Projekts am 26. September von 15 bis 19 Uhr in K\u00f6ln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Cabrio-Fahrerin f\u00e4hrt dem Sonnenuntergang entgegen, Wind weht durch ihre Haare. 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