Siegen/Bad Berleburg. IHK Siegen und Arbeitgeberverbände Siegen-Wittgenstein (AGV) kritisieren die Diskussion über einen Nationalpark in Siegen Wittgenstein zum jetzigen Zeitpunkt. Demnach könnten Belastungen für Unternehmen und die gesamte regionale Entwicklung nicht ausgeschlossen werden. Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen sei der Nationalparkvorstoß „ein Projekt zur völlig falschen Zeit“, eine kraftraubende Debatte hierüber das falsche Signal.
Dr. Thilo Pahl, IHK-Hauptgeschäftsführer: „Die häufig exportorientierten Betriebe im hiesigen Wirtschaftsraum kämpfen auf allen Ebenen. Zurückhaltung bei Einstellungen und Investitionen ist hierfür ein deutlicher Beleg. Zu den ausbleibenden Reformen bei Energiekosten, Unternehmenssteuern, Planungsbeschleunigung und rigorosem Bürokratieabbau kommen Zölle und Preissteigerungen in Folge des Iran-Krieges. Kein einziges dieser Probleme wird auch nur annähernd durch einen Nationalpark gelöst!“
Bereits vor zwei Jahren habe die Diskussion über einen möglichen Nationalpark für große Verunsicherung bei den Betrieben gesorgt. Die IHK-Vollversammlung und auch der Vorstand der AGV hatten sich klar gegen einen Nationalpark ausgesprochen. Besonders im industriell geprägten Wittgenstein mit zahlreichen Familienunternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen, hatten die Überlegungen bereits in der Vergangenheit große Sorgen ausgelöst. Die Firmen kämpften bis heute mit einer mangelnden Verkehrsanbindung und fehlenden Flächen für Gewerbe und Industrie.
„Zusätzliche Flächenbeschränkungen oder weitere bürokratische Hürden sind das Letzte, was der Standort aktuell verkraften kann“, ergänzt AGV-Geschäftsführer Dr. Thorsten Doublet. „Keine der Sorgen und Zweifel von damals konnten unseres Wissens bis heute ausgeräumt werden. So bleibt etwa die Verkehrssituation in Wittgenstein ein kritischer Punkt. Eine Nationalparkfläche droht bestehende Erschwernisse zu verstetigen, weil notwendige Aus- und Neubauten von Verkehrswegen weiter in die Ferne rücken könnten. Unternehmen berichten regelmäßig davon, dass qualifizierte Bewerberinnen und Bewerber aus größeren Städten nach der ersten Anreise oft entmutigt seien und Arbeitsverhältnisse nach kurzer Zeit wieder lösten.“
Die offenen Fragen seien nicht dadurch beantwortet, dass man sie in der Öffentlichkeit für beantwortet erklärt. Dies betreffe etwa Zusagen für den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur oder der Erneuerbaren Energien. Aus Sicht von IHK und AGV sollte man sich zudem keinen Illusionen zu den wirtschaftlichen Impulsen eines Nationalparks in einem stark industriell geprägten Wirtschaftsraum wie dem Kreis Siegen-Wittgenstein hingeben, der sich beispielsweise bereits durch eine überdurchschnittlich hohe Kaufkraft pro Kopf auszeichne.
Druck mit Wildnisentwicklungsgebiet
Mit Verwunderung nehme man zudem Berichte über Pläne des Landes wahr, nach denen für den Staatsforst am Rothaarkamm bereits ein „Wildnisentwicklungsgebiet“ vorgesehen gewesen sei, das zum Tragen kommen könnte, sollte sich die Region nicht für einen Nationalpark entscheiden. Hier werde unverhohlen Druck auf die Kommunalpolitik ausgeübt. Dies stünde in eklatantem Widerspruch zu den vollmundigen Erklärungen der Landesregierung, keiner Region einen solchen Park aufzwängen zu wollen. Am Ende drohten so weder ökologische noch wirtschaftliche Argumente leitend für die politische Entscheidungsfindung zu sein, sondern ideologische Vorab-Festlegungen.
Sollte der Kreistag dennoch entscheiden, in eine inhaltliche Vertiefung einzusteigen, seien IHK und AGV bereit, sich fachlich-kritisch an dem Prozess zu beteiligen. Dies ergebe jedoch nur dann Sinn, wenn in jeder Hinsicht mit offenen Karten gespielt werde. Wichtig sei, dass es echte Entscheidungsfreiheit gebe und sich keine „Showveranstaltung“ abzeichne. Das Muster „Friss oder stirb“ sei kein guter Weg, um Akzeptanz für ein Projekt vor Ort zu gewinnen.
Text/Foto: IHK/AGV

Kommentar hinterlassen zu "Wirtschaft hält nichts von neuem Nationalpark-Vorstoß"