Arbeitgeberverbände Siegen-Wittgenstein

Leistung, Kompetenz, Vielfalt - Netzwerker für den Mittelstand

Die von der IG Metall jetzt auch in Siegen-Wittgenstein verkündeten Warnstreikaktionen stoßen auf Arbeitgeberseite auf Unverständnis. „Die Verhandlungen haben gerade erst begonnen und die Arbeitgeber innerhalb der Friedenspflicht ein Angebot vorgelegt“, sagt Dr. Thorsten Doublet, Geschäftsführer des VdSM Verband der Siegerländer Metallindustriellen e.V. Insofern sei es nicht nachvollziehbar, dass die IG Metall nicht zunächst die Lösung am Verhandlungstisch, sondern eine Eskalation über Streiks suche.

Das Angebot sieht vor, den 700.000 Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie in NRW für die ersten drei Monate des Jahres 2018 eine Einmalzahlung von 200 Euro und ab dem 1. April 2018 zwei Prozent mehr Lohn für 12 Monate zu zahlen. Dr. Doublet betonte, dies sei angemessen und bedeute ein spürbares Reallohn-Plus für die Beschäftigten.

Dr. Doublet bezeichnet die laufende Tarifrunde als mitentscheidend für die Zukunftsfähigkeit des Flächentarifs in Deutschlands bedeutendstem Industriezweig. Wenn die Unternehmen das Gefühl hätten, dass der Flächentarifvertrag die Arbeit weiter verteuere und gleichzeitig die Arbeitszeitgestaltung erheblich einschränke, würden viele der Tarifbindung den Rücken kehren. „Dies kommt einer Erosion des Flächentarifs gleich und kann auch nicht im Interesse der IG Metall sein“, warnt der VdSM-Geschäftsführer.

Entscheidend für eine Einigung mit der IG Metall bei Lohnerhöhungen müssten darüber hinaus tarifvertragliche Regelungen für ein bedarfsgerechtes und modernes Arbeitszeitregime in den Betrieben sein. Der Flächentarifvertrag müsse Möglichkeiten für freiwillige Regelungen bieten. „Mit einem solchen optionalen System können die Unternehmen dann mit den Mitarbeitern oder dem Betriebsrat Vereinbarungen treffen, die den Bedarf des Unternehmens und die Bedürfnisse der Beschäftigten berücksichtigen“, erklärt Dr. Doublet. Klar sei dabei aber auch: Das Prinzip von Leistung und Gegenleistung müsse stets gewahrt bleiben. „Forderungen der IG Metall nach einem Entgeltausgleich für bestimmte Beschäftigtengruppen, die ihre Arbeitszeit vorübergehend reduzieren, lehnen wir strikt ab“, erläuterte er abschließend. Solche Regelungen seien ungerecht und diskriminierend gegenüber anderen Teilzeitbeschäftigten.

Obwohl die IG Metall die Manteltarifverträge gekündigt und damit die Verhandlungen unnötig verschärft hat, sind die Arbeitgeber der Tarifgemeinschaft M+E MITTE an einer raschen Einigung und einem lösungsorientierten Verlauf der Verhandlungen interessiert. Daher haben sie der IG Metall bereits in der 2. Verhandlung für die 400.000 Beschäftigten der Metall- und Elektro-Industrie in Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland – und damit noch innerhalb der Friedenspflicht – ein Angebot vorgelegt.

Das Angebot der Arbeitgeber sieht eine Einmalzahlung in Höhe von 200 Euro für die Monate Januar bis März 2018 und eine Tabellenerhöhung in Höhe von 2 Prozent ab 1. April 2018 für weitere 12 Monate vor. Bei diesem Angebot gehen wir davon aus, dass der Tarifabschluss die Möglichkeiten für eine bedarfsorientierte und bezahlte Ausweitung des Arbeitszeitvolumens beinhaltet. Damit würde sich das jährliche Durchschnittseinkommen der Metaller, das nach insgesamt rund 20 Prozent Lohnerhöhung seit 2012 bereits bei 56.000 Euro liegt, für 2018 auf 57.320 Euro erhöhen.

M+E-Mitte-Verhandlungsführer Dr. Thomas Brunn verwies darauf, dass das Angebot spürbar über den Zuwächsen liege, die andere Branchen bereits für 2018 vereinbart hätten. Zudem werde die gesamtwirtschaftliche Produktivität, also das, was zusätzlich erwirtschaftet wird, im kommenden Jahr um nur 1,2 Prozent steigen. „Unser Angebot liegt also noch über dem, was an Zuwachs erwartet wird. Das zeigt, dass wir unser Versprechen einer fairen Beteiligung unserer Beschäftigten halten“.
Sowohl die Arbeitnehmer als auch die Arbeitgeber wünschen eine Modernisierung der Arbeitszeit in Richtung mehr Flexibilität. „Das müsste uns Tarifpartnern bei gutem Willen gemeinsam gelingen. Dazu müssen wir eine Möglichkeit schaffen, die Arbeitszeit auch bedarfsorientiert und bezahlt erhöhen zu können. Dies natürlich nur im beiderseitigen Einvernehmen. Und mit der Möglichkeit für die Beschäftigten, auf die Normalarbeitszeit zurückzukehren. Derzeit geht das nur für bis zu 13 Prozent der Beschäftigten. Die Umfrage der IG Metall selbst hat gezeigt, dass gerne mehr Arbeitnehmer davon Gebrauch machen möchten. Es ist nicht einzusehen, dass der Tarifvertrag diesen untersagt, bis zu 14 Prozent mehr Einkommen zu erzielen. Die 13-Prozent-Quote muss also geöffnet werden. Die anderen 87 Prozent müssen auch die Chance haben, mehr zu verdienen. Was aber gar nicht geht, sind ungerechte, diskriminierende und rechtswidrige Teilentgeltausgleiche für reduzierte Arbeitszeit“, sagte Brunn.

Die nordrhein-westfälischen Metallarbeitgeber haben erheblichen Gesprächsbedarf beim Thema Arbeitszeit angemeldet. Dabei gehe es ausdrücklich auch um ein höheres Arbeitsvolumen, wenn Markt und Kunden dies verlangten, betonte der Präsident des Verbandes der Metall- und Elektro-Industrie Nordrhein-Westfalen (METALL NRW), Arndt G. Kirchhoff, nach der 1. Tarifverhandlung für die rund 700.000 Beschäftigten dieses Industriezweigs am Donnerstag in Dortmund. Erst wenn Unternehmen die notwendige Flexibilität bei der Arbeitszeit erhielten, könne über die individuellen Wünsche von Mitarbeitern nach reduzierter Arbeitszeit gesprochen werden. „Wir werden nur Arbeitszeitregelungen vereinbaren, die den betrieblichen Bedarf und die Anforderungen der Kunden berücksichtigen“, sagte Kirchhoff. Es könne nicht sein, dass Unternehmen künftig Aufträge ablehnen müssten, weil Arbeitszeitvolumen nicht zur Verfügung stünde.

Das gesamte Forderungspaket mit Einkommensverbesserungen von sechs Prozent und einem individuellen Anspruch auf Arbeitszeitverkürzung mit Entgeltzuschlag bezeichnete der NRW-Metallarbeitgeberpräsident als „völlig wirklichkeitsfremd“. Die Unternehmen hätten gewaltige Investitionen zu stemmen, um die Herausforderungen von Digitalisierung und Elektromobilität zu bewältigen. „Wenn die IG Metall überzogene Entgeltzuwächse und dazu auch noch kürzere Arbeitszeiten durchsetzen will, dann werden Unternehmen diese Investitionen an ihren ausländischen Standorten durchführen. Das würde klar zulasten deutscher Arbeitsplätze gehen“, erklärte Kirchhoff.

Einen Entgeltaufschlag auf nicht geleistete Arbeit im Rahmen einer Arbeitszeitverkürzung lehnte Kirchhoff als „völlig ungerechtfertigt“ ab. Das würde nicht nur gegen den Grundsatz der Gleichbehandlung verstoßen, sondern auch Unruhe in die Belegschaften bringen. Einer Mitarbeiterin, die 28 Wochenstunden in Teilzeit arbeite, sei nicht zu erklären, warum ihr Vollzeit-Kollege bei entsprechend reduzierter Arbeitszeit mehr verdienen solle. „Wir werden kein Geld für nicht geleistete Arbeit zahlen“, sagte Kirchhoff.

Da reibt Mann sich die Augen und Frau wundert sich: In Zeiten annähernder Vollbeschäftigung und eines zunehmenden Fachkräftemangels fordert die IG Metall für die 3,9 Millionen Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie doch tatsächlich eine Arbeitszeitverkürzung auf 28 Stunden pro Woche. Zwar zeitlich befristet auf maximal zwei Jahre, aber mit vollem Rückkehrrecht zur 35-Stunden-Woche. Außerdem sollen die Arbeitgeber in bestimmten Fällen auch noch dafür zahlen, dass ihre Beschäftigten weniger arbeiten. Ja sind die denn jetzt von allen guten ökonomischen Geistern verlassen?

Nehmen wir doch einfach mal an, die Gewerkschaft hätte ihre Forderung durchgesetzt. Wie sähen die möglichen Konsequenzen für ein typisches mittelständisches Maschinenbauunternehmen aus? Unser Beispielunternehmen beschäftigt 65 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, davon 50 in der Produktion. Hinzu kommen drei Auszubildende. Hergestellt werden hochwertige Maschinen für die Metallbearbeitung. Die Auftragslage ist gut, die Produktionsauslastung liegt bei rund 80 Prozent. Man arbeitet schon seit einiger Zeit an einer Weiterentwicklung der eigenen Produkte. Dadurch soll die Wettbewerbsfähigkeit längerfristig gesichert werden. Auch das Thema Digitalisierung ist im Unternehmen abgekommen. Das alles kostet Geld, das im internationalen Wettbewerb mit einer immer härteren Konkurrenz erst einmal erwirtschaftet werden muss.

In dieser auf den ersten Blick ganz soliden Lage erklären plötzlich sechs Mitarbeiter, vier aus der Fertigung, einer aus der Arbeitsvorbereitung und eine aus der Konstruktion, dass sie nur noch vier Tage pro Woche arbeiten möchten und das die nächsten zwei Jahre lang. Damit fallen fast zehn Prozent der Belegschaft einen ganzen Arbeitstag pro Woche komplett aus. Wie soll das ausgeglichen werden, fragt sich auch die Personalverantwortliche unseres Unternehmens. Sie geht dabei verschiedene Möglichkeiten durch: Erstens könnte sie die verbliebenen Mitarbeiter bitten, die fehlende Arbeitsleistung durch Mehrarbeit auszugleichen. Zweitens könnte sie über eine Zeitarbeitsfirma jemanden einstellen, der diese Aufgaben übernimmt. Drittens bestünde die Möglichkeit, eine zusätzliche Arbeitskraft mit einem zeitlich befristeten Arbeitsvertrag zu verpflichten. In den beiden letztgenannten Fällen müssten aber die passenden Fachkräfte erst einmal gefunden werden. Und für die Konstruktion wäre dies auf Grund der speziellen Fachkompetenz nahezu unmöglich.

Wie entscheidet sich also unser Unternehmen? Nachdem sich die verbliebenen Mitarbeiter dazu bereit erklärt haben, die fehlende Arbeitszeit durch vermehrte Überstunden auszugleichen, scheint dieses Problem zunächst gelöst. Gleiches gilt für die Konstruktion. In beiden Fällen bedeutet das für das Unternehmen aber eine deutliche Steigerung der Personalkosten. Mittelfristig hat man sich deshalb dazu entschlossen, ein eigenes Konstruktionsbüro in Indien zu eröffnen und eventuell später auch eine Fertigung.

Dieses fiktive Beispiel ist von der Realität in den Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie gerade in Siegen-Wittgenstein gar nicht so weit entfernt, wie man auf den ersten Blick eigentlich meint. Die hier aufgezeigten Lösungen, die als Konsequenz der von der IG Metall geforderten Arbeitszeitverkürzung durchgespielt wurden, nämlich Mehrarbeit, befristete Beschäftigung und Zeitarbeit, wurden bislang von der Gewerkschaft stets vehement verteufelt. Jetzt werden sie von der gleichen Gewerkschaft praktisch durch die Hintertür notwendig und damit hoffähig gemacht.

Das ist letztlich auch nicht im Interesse der Unternehmen. Deshalb sind die Arbeitgeber ja nach eigener Aussage ebenfalls an einer Flexibilisierung der Arbeitszeiten in den Betrieben interessiert. Aber nicht einseitig, sondern in gemeinsamer Abstimmung und unter der Prämisse, dass die vorhandene Arbeit auch auftragsbezogen erledigt werden muss. Und familienfreundlich sind die meisten Unternehmen sowieso schon längst. In Siegen-Wittgenstein beispielsweise wird das durch das Siegel „Familienfreundliches Unternehmen“ dokumentiert.

Also liebe IG Metall, lasst doch einfach mal die Ideologie und den gewerkschaftlichen Dogmatismus beiseite und beschäftigt euch mit dem wirtschaftlichen Machbaren in den Unternehmen. Und bitte lasst die Büchse der Pandora zu. Ihr würdet damit dem Flächentarif massiv Schaden zufügen.

Helmut Hofmann

 

Dr. Thorsten Doublet (Mitte), Geschäftsführer des VdSM Verband der Siegerländer Metallindustriellen e.V., im Gespräch mit Pressevertretern zum Auftakt der Tarifrunde 2018.

Wie schon in den vergangenen Jahren hat der VdSM Verband der Siegerländer Me­tallindustriellen e.V. auch zum Auftakt der aktuellen Tarifrunde in der Metall- und Elek­troindustrie die heimische Presse über die eigenen Positionen zur Forderung der IG Metall ausführlich in­formiert. „Aus unserer Sicht ist das Forderungspaket mit einer Entgeltsteigerung von sechs Prozent und dem An­spruch auf eine auf zwei Jahre befristete und mit einem Teilentgeltausgleich versehene Arbeitszeitverkürzung völlig überzogen“, so VdSM-Ge­schäftsführer Dr. Thorsten Doublet. Der Wirtschaft gehe es zwar ins­gesamt recht gut, aber gerade in der stahlnahen heimischen Maschinenbauindustrie, bei den Walzengießern und den Röhrenherstellern ge­be es nach wie vor erhebliche Probleme. Für diese Unterneh­men sei eine Entgeltsteigerung in dieser Größenordnung in keinem Fall darstellbar.

Noch größere Sorgen bereitet dem Verband und seinen Mitgliedsunternehmen die von der Gewerkschaft geforderte Arbeitszeitverkürzung auf 28 Stunden, die zudem mit einem Teilentgeltausgleich für be­stimmte Beschäftigtengruppen verbunden ist. „Hier verlässt die IG Metall nicht nur den bislang gültigen Grundsatz ‘gleiches Geld für gleiche Ar­beit’, sie verlangt sogar von den Arbeitgebern für nicht er­brachte Leistungen zu zahlen. Gleichzeitig spaltet sie die Be­legschaften und gefährdet so den Betriebsfrieden.“

Flexibilisierung sei auch für die Unternehmen in Siegen-Wittgenstein ein wichtiges The­ma, dem sie sich nicht verschließen würden, aber sie dürfe nicht nur einseitig erfolgen und die Belange der Un­ternehmen einfach außen vor lassen, so Dr. Doublet weiter. „Man stelle sich nur einmal vor, in einem unserer vorwiegend mittelständisch strukturierten Unternehmen würden auf einmal zehn oder mehr Mit­arbeiter verkünden, dass sie zukünftig nur noch 28 Stunden oder vier Tage pro Woche arbeiten wollten. Das wäre nicht nur teuer, sondern ein Konjunkturprogramm für Zeitarbeit, Mehr­arbeit und für die be­fristete Beschäftigung. Alles, was die IG Metall bislang verteufelt hat.“ Darüber hinaus kämen auf die Unternehmen gewaltige organisatorische Probleme zu. Deshalb lehnt der Verband die Forderungen der IG Metall ab.

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