Berichte: Den vermeintlich Schwachen eine Chance geben
Donnerstag, 1. Juli 2010 |
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Siegen, 1. Juli 2010. Vor zwei Jahren haben die Tarifparteien der Metall- und Elektroindustrie in Nordrhein-Westfalen den Tarifvertrag „Förderung der Ausbildungsfähigkeit“, kurz TV FAF, abgeschlossen. Dieser Tarifvertrag ermöglicht es Unternehmen, Jugendliche, deren Qualifikationen noch nicht ausreichen, ein Jahr lang auf eine reguläre Ausbildung vorzubereiten. Gedacht ist dieser Tarifvertrag als ein Instrument, dem in den kommenden Jahren durch den demografischen Wandel zu erwartenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Der VdSM Verband der Siegerländer Metallindustriellen e.V. und die IG Metall Siegen informierten jetzt in einer gemeinsamen Veranstaltung im Haus der Siegerländer Wirtschaft in Siegen interessierte Unternehmen und Betriebsräte darüber, welche Möglichkeiten der Tarifvertrag bietet und wie er in der Praxis angewendet werden kann.
„Wir möchten den TV FAF aus seinem Dornröschenschlaf aufwecken, denn er ist ein durchaus nützliches Instrument für die Unternehmen in Siegen-Wittgenstein bei der zukünftigen Rekrutierung von Auszubildenden“, machte Joachim Schmidt-Classen, Geschäftsführer des VdSM, zu Beginn der Informationsveranstaltung deutlich.
Hartwig Durt, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Verwaltungsstelle Siegen, verwies noch einmal auf den zukünftig zu erwartenden Fachkräftemangel, dem man rechtzeitig entgegensteuern müsse. „Siegen-Wittgenstein ist eine Industrieregion und wird es auch in Zukunft bleiben. Deshalb benötigen die Unternehmen qualifizierte Fachkräfte. Sie zu gewinnen wird angesichts des demografischen Wandels immer schwieriger.“ Mit dem TV FAF stellen die Tarif- und Sozialpartner den Unternehmen ein Instrument zur Verfügung, mit dem auch vermeintlich leistungsschwächere Jugendliche an eine reguläre Ausbildung herangeführt werden können.
Die konkreten Inhalte und die tarifrechtlichen Regelungen des TV FAF erläuterte anschließend Rechtsanwalt Dr. Thorsten Doublet vom VdSM. Der Tarifvertrag sei dazu gedacht, die Ausbildungsfähigkeit von Schulabgängern zu fördern und so den Übergang in ein reguläres Ausbildungsverhältnis zu ermöglichen. Insbesondere sollen fehlende Fachkenntnisse aufgearbeitet sowie das Arbeits- und Sozialverhalten durch die praktische Tätigkeit im Betrieb gefördert werden. Bei erfolgreicher Vorbereitung können die Jugendlichen dann nach einem Jahr in ein normales Ausbildungsverhältnis übernommen werden. „Dieser Tarifvertrag ist zwar für die Unternehmen freiwillig. Er ist aber dennoch Ausdruck der wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Verantwortung der Tarifpartner in Nordrhein-Westfalen“, so Dr. Doublet.
Dass Unternehmen den TV FAF bereits anwenden, darüber berichtete Thomas Meyer von der Firma Miele & Cie. KG aus Gütersloh. Er leitet dort die Ausbildung und hat schon Jugendliche über den TV FAF an eine Ausbildung herangeführt. „Unsere Motivation, diesen Tarifvertrag anzuwenden und darüber Jugendliche zu qualifizieren, liegt natürlich begründet in den absehbaren Folgen des demografischen Wandels. Wir brauchen für unser Unternehmen qualifizierte Nachwuchskräfte. Wenn wir die entsprechenden Bewerber am Markt nicht mehr bekommen, müssen wir eben selber etwas tun.“ Die Erfahrungen, die Thomas Meyer mit den ersten „Faflingen“ gemacht hat, sind dabei durchaus positiv. „Wir haben die Jugendlichen in unseren Ausbildungsbetrieb eingebunden, auch wenn wir ihnen noch keine Ausbildungsinhalte vermitteln. Sie sollen zunächst einmal die Arbeit in einem Unternehmen kennenlernen“, so Thomas Meyer weiter. Natürlich sei die Betreuung der Jugendlichen mit einem gewissen Aufwand verbunden, der sich aber mittelfristig sowohl für das Unternehmen wie auch für die Jugendlichen lohne.
Unterstützungsleistungen bei der Umsetzung des TV FAF bieten nicht nur die Tarifpartner, sondern als Projektträger auch der Verein zur Förderung der Berufsbildung Dr. Heinz Potthoff e.V., Bielefeld, und die Sustain Consult GmbH aus Dortmund. Die Beratungsgesellschaft für nachhaltige Wirtschaftsentwick-lung mbH soll in einem Modellvorhaben auch in Siegen-Wittgenstein mithelfen, den TV FAF mit Leben zu füllen.
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