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Aktuelles: Tagung des reformpädagogischen Schulverbunds: Blick über den Zaun
Geschrieben am Montag, 10. Mai 2010 von Webmaster

Aktuelles Zum Thema „Den Einzelnen gerecht werden“ trafen sich 200 Pädagogen aus den reform-pädagogisch orientierten Schulen des Verbunds ‚Blick über den Zaun’ vom 2. bis zum 4. Mai in Bensberg. Organisiert wurde die Tagung von der reformpädagogischen Arbeitstelle an der Universität Siegen.

Die zentrale Botschaft der Vorträge und Arbeitssitzungen: Individualisierung ist notwendig, um den unterschiedlichen Voraussetzungen der Schüler gerecht zu werden; aber: sie ist mehr als eine bloße Methode. Schulen müssen Kinder und Jugendliche als eigenständige Persönlichkeiten wahrnehmen und respektieren. „Das Kind gehört nur sich selbst“, betonte der Schweizer Kin-derarzt Professor Remo Largo.

Diesen Anspruch haben die Teilnehmer in ihrer „Bensberger Erklärung“ in konkrete Vorschläge für ihren Unterricht, aber auch in Forderungen an die Bildungspolitik übersetzt. Die Auseinandersetzung mit sexueller Gewalt in Schulen, war das zweite Kernthema der Tagung, zu dem die Teilnehmer ebenfalls klar Stellung bezogen haben. Eindringlich machten sie aber auch darauf aufmerksam, dass viele Schüler tagtäglich in der Schule psychische Gewalt erleben: Aussonderung durch den Auslesezwang im Schulsystem, aber auch Bloßstellungen und Demütigungen durch einzelne Lehrer dürfen nicht einfach hingenommen werden, wie der Sprecher des Verbunds, Professor Dr. Hans Brügelmann (Universität Siegen) forderte.

Weitere Informationen über:
www.blickueberdenzaun.de

Axel Backhaus/ Hans Brügelmann
blickueberdenzaun@uni-siegen.de


Beigefügt sind die „Bensberger Erklärung“ und die Erklärung des Schulverbunds zu sexueller Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen.

Bensberger Erklärung

Im Anschluss an unsere Tagung „Den Einzelnen gerecht werden: Leistung herausfordern – be-gleiten – würdigen“, die 100 Reformschulen als Mitglieder des Schulverbunds ‚Blick über den Zaun’ vom 2. bis 4. Mai in Bensberg zusammengeführt hat, wenden wir uns an die Öffentlichkeit.

Mit den folgenden Thesen fordern wir Bildungspolitiker, Bildungsverwaltung, Schulpraktiker, Eltern und Wähler auf, sich für eine demokratische und leistungsstarke Schule zu engagieren.

Alle Kinder und Jugendlichen sollen sich im Lebensraum Schule in Ruhe entwickeln, mit Freude lernen und zu bestmöglichen Leistungen gelangen können.

¬– Wir wissen –
Kinder und Jugendliche brauchen Ermutigung, Bestätigung, Anerkennung und ihre je eigene Zeit. Druck und Angst zerstören die Motivation.
Sie brauchen verlässliche Erwachsene und eine lebendige Gemeinschaft. Sie brauchen sinn-hafte und herausfordernde Lernerfahrungen.
Schulen brauchen den Mut, Kinder als Experten ihres Lernens anzuerkennen. Lehrerinnen und Lehrer brauchen den Mut, Kinder zum Lernen anzuregen und nicht nur Fächer zu unterrichten.

– Wir behaupten –
Das bisherige Schulsystem fördert eine solche Lernkultur nicht. Immer noch werden Kinder aus-gesondert und durch die Folgen struktureller und psychischer Gewalt im Schulalltag gedemütigt und beschämt, wird Potenzial nicht genügend genutzt.
Die derzeitigen staatlichen Kontrollmechanismen tragen ihren Teil dazu bei.

– Wir fordern –
Einen veränderten Umgang mit Schülerleistungen. Wir brauchen differenziertere Instrumente als Zensuren.
Verbesserte und unterstützende Formen der staatlichen Evaluation von Unterricht. Wir brauchen differenziertere Instrumente als standardisierte Tests und Prüfungen.
Einen neuen Diskurs über Bildung als „Aneignung von Welt“. Trotz besserer Erkenntnisse wird die Entwicklung von Kindern zunehmend durch ein verengtes Verwertungsdenken bestimmt. Wir brauchen eine Lernkultur des Vertrauens und der geduldigen Begleitung, in Respekt vor der Einzigartigkeit jedes Kindes: „Kinder gehören nur sich selbst“ (Remo Largo)

– Wir bieten –
Beispiele für eine veränderte Schul- und Lernkultur, mit einer konsequenten Individualisierung und Freiräumen, in denen Kinder und Jugendliche, eingebunden in eine verlässliche Gemein-schaft, Verantwortung für ihr Lernen und ihre persönliche Entwicklung übernehmen.
Beispiele von Schulen, die zeigen, wie Kinder ohne Noten und ohne Selektion gemeinsam lernen und dadurch individuell bestmögliche Leistungen erreichen können.
Beispiele für einen veränderten Umgang mit Leistungen, für eine prozessorientierte und trans-parente Leistungsrückmeldung.
Der ‚Blick über den Zaun’ fordert eine Umkehr in der Bildungspolitik und eine Reform der Schulen von innen und von unten!

Schulverbund ‚Blick über den Zaun’ (www.blickueberdenzaun.de)
Verabschiedet bei der Tagung „Den Einzelnen gerecht werden“ des Schulverbund ‚Blick über den Zaun’
Bensberg, den 4.5.2010

Erklärung des Schulverbunds „Blick über den Zaun“
zu sexueller Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen

Vom 2. bis 4. Mai 2010 haben sich Vertreter und Vertreterinnen aus den über hundert Reform-schulen des ‚Blick über den Zaun’ in Bensberg bei ihrer Verbundstagung versammelt. Thema des Austauschs war die zentrale Leitidee des Verbunds: „Den Einzelnen gerecht werden“.
In den letzten Wochen waren massive Vorwürfe von sexueller Gewalt gegenüber Kindern bzw. Jugendlichen bekannt geworden. Wir sind erschüttert und beschämt darüber, dass Kindern und Jugendlichen sexuelle Gewalt auch in Schulen widerfahren ist, die sich auf unsere pädagogischen Prinzipien verpflichtet haben.

Die Anwesenden haben dazu auf der Tagung die folgende Erklärung beschlossen:
1.
Die Achtung körperlicher und seelischer Unversehrtheit von Kindern und Jugendlichen ist Voraussetzung jeder pädagogischer Tätigkeit.
Wir verurteilen alle Formen von psychischer und physischer Gewalt an Kindern und Jugend-lichen, insbesondere sexuelle Übergriffe durch Blicke, Worte oder Taten.
2.
Sexuelle Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen fügt den Opfern tiefgreifende Traumatisierungen zu, die die Persönlichkeitsentwicklung und das weitere Leben massiv beein-trächtigen. Wir stehen an der Seite der Opfer und setzen uns für die vorbehaltlose Aufklärung ein.
3.
Wir verpflichten uns, unsere pädagogischen Prinzipien immer wieder in den Schulen zu thematisieren und im Alltag zu verankern. Wir werden mit vermehrter Aufmerksamkeit auf mögliche Verletzungen achten, Kinder und Jugendliche stärken sowie die Vorgehensweisen verbessern, die Übergriffen vorbeugen und sexuelle Gewalt aufklären. Falsch verstandene Kollegialität darf und wird uns daran nicht hindern.

Schulverbund ‚Blick über den Zaun’ (www.blickueberdenzaun.de)

Verabschiedet bei der Tagung „Den Einzelnen gerecht werden“ des Schulverbund ‚Blick über den Zaun’
Bensberg, den 4.5.2010

 
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